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Das Jahr geht zu Ende. Zeit um zurück zu sehen, das Jahr abzuschätzen und im Angesicht vieler neuer Filme, die Qualität der Produktionen über den Daumen zu erwägen. „Film im Dialog“ bot mir diese Gelegenheit und hier sieht man, wie viele Filme sich dann noch auftürmen, wenn man eigentlich schon wieder ein wenig zur Ruhe kommen möchte.

Neuzugänge
Wie sehr freut man sich doch immer wieder auf die Filme von Ridley Scott, dabei sollte man es mittlerweile schon besser wissen. Allerdings arbeitete er noch nie auf Basis eines Drehbuchs von Cormac McCarthy. „The Counselor“ bietet zudem eine großartige Besetzung (Michael Fassbender, Cameron Diaz, Javier Bardem, Brad Pitt…) doch es scheint, als wäre alles bereits bei der Erstellung des pseudo-philosophischen Drehbuchs alles schief gegangen. Scott packt das dünne Geschehen in schöne Bilder und Brad Pitt sowie Cameron Diaz machen das Beste aus dem Material. Es bleibt dennoch ein inakzeptabler schwacher Film.
Dem widerspricht meine Kollegin YP unserem „Film im Dialog“-Gespräch.
James McAvoy versucht seit ein paar Jahren sein Image als Lieblingsschwiegersohn abzustreifen, da passt die Rolle in der Irvine Welsh-Verfilmung „Filth“ von Jon S. Baird gut ins Konzept. Er glänzt auch und trägt den Film, was gut ist, denn Baird gelingt es nicht aus den vielen lustigen, absurden, dramatischen und beängstigenden Episoden aus dem Leben des korrupten schottischen Polizisten eine zusammenhängende Geschichte zu weben. Dafür gibt es jedoch genügen gute Szenen mit McAvoy im Zusammenspiel mit Jamie Bell und Eddie Marsan.
Die Coen-Brüder liefern in beeindruckender Regelmäßigkeit einen tollen Film nach dem anderen. Mit der Folk-Tragikomödie „Inside Llewyn Davis“ ist ihnen wieder ein Meisterstück gelungen. Getragen von melancholischem Humor und toller Musik, zeigen die Coens das wie in einer Endlosschleife feststeckende Streben nach künstlerischer Erfüllung und Glück des Folk-Künstlers Llewyn Davis (großartig: Oscar Isaac). Zwar baut der exzellent beginnende Film, nach einem Drittel ab (Grund dafür: eine mehr als unnötige Road-Trip-Sequenz mit einem gut aufgelegten John Goodman aber irrelevant für die Handlung), dennoch ist dies einer der schönsten Filme des Jahres.
Nachdem der erste Teil der „Hobbit“-Trilogie doch hinter den Erwartungen zurück blieb, geht man schon mit einem etwas dumpfem Gefühl der zu erwartenden Enttäuschung in den zweiten Teil „The Desolation of Smaug“. Doch Jackson schafft es, den Erzählrhythmus zu verbessern, erst zum Ende des zweiten Hobbit-Films verheddert sich der Oscar-Preisträger in drei verschiedenen Erzählsträngen und entscheidet sich scheinbar immer zum schlechtesten Zeitpunkt für einen Zwischenschnitt. So ist die Fortsetzung ein wenig besser geworden, denn Teil 1, und bleibt dennoch eine Erinnerung daran, dass das zu Grunde liegende Buch, nicht genügend Material für eine Trilogie bietet.
Nat Faxon und Jim Rash sind in diesem Jahr die Überbringer der Feel-Good-Indie-Komödie die man gesehen haben soll. Doch genau darin liegt das Problem. „The Way Way Back“ liefert ein gut aufspielendes Ensemble (speziell Sam Rockwell überstrahlt den hinter den Erwartungen zurückbleibenden Film) und genügend interessante und humorvolle Momente, aus dem Leben eines mit sich selbst und seinem Stiefvater nicht klar kommenden Teenagers, doch hat man derartige Geschichten und noch dazu in dieser Aufbereitung schon viel zu oft gesehen.
Kimberly Peirce zeigte 1999 mit „Boys Don’t Cry“ ihr gewaltiges Potential (und schenkte der Welt noch dazu Oscar-Preisträgerin Hilary Swank, die man bis dahin kaum kannte) und so war die Aussicht auf ein Remake des Stephen-King-Debütromans „Carrie“ von der Aussicht auf einen intelligenten Horrorfilm geprägt. Serviert bekommt man aber einen nach allen Seiten abgesicherten und aufgewärmt wirkenden Film, der zwar über einen sehr talentierten Cast verfügt aber nichts daraus macht.
Der Gewinner der Goldenen Palme von Cannes dieses Jahres, ist zugleich auch einer der meist diskutierten Filme innerhalb der Szenezirkel. Allerdings weniger aufgrund der expliziten Sexszenen der beiden Hauptdarstellerinnen, sondern viel mehr, aufgrund des öffentlich zur Schau gestellten Konflikts zwischen dem Regisseur und seinen Darstellerinnen, der soweit ging, dass Abdellatif Kechiche sein Werk gar nicht mehr in die Kinos bringen wollte. Das ist nun doch nicht passiert, doch ist der Blick auf den knapp drei Stunden langen Film, durch das Wissen um den Zwist im Hintergrund ein wenig verbaut. So nüchtern wie möglich betrachtet, hat „La vie d’Adèle“ grandiose Szenen zu bieten, in denen Adèle (hervorragend: Adèle Exarchopoulos) sich ihrer eigenen Sexualität bewusst wird. Die Intimität die sie mit Emma (Léa Seydoux) erlebt, wird von Kechiche ins Zentrum gestellt und doch bleibt die Handlung oftmals unnötig stehen. So erhält man weniger den Eindruck einen Einblick ins Leben von Adèle zu erhalten, sondern einer etwas eitlen Inszenierung beizuwohnen. Das trübt den Gesamteindruck, eines stellenweise hervorragenden Filmes.
Lee Daniels‘ „The Butler“ war in den USA ein Überraschungserfolg, doch hierzulande wird es die sehr amerikanische Geschichte von Rassenunruhen und der US-Politik durch die Augen eines im Weißen Haus angestellten Butlers (hervorragend: Forest Whitaker) eher schwer haben. Das hat einerseits damit zu tun, dass Daniels in seinem Panoramafilm, sehr viele wichtige Charaktere nur kurz anreisst und von einer gewissen Vorbildung seines Publikums ausgeht und zudem seinen Film mit Kitsch und Schmalz überzieht. Ein gut gemeinter und streckenweise sehr gut wirkender Film, der aber unter dem Ballast seiner eigenen Bedeutung geradezu untergeht.
Nachdem sein Zen-artiger Thriller „The Limits of Control“ noch nicht einmal die abgebrühtesten Fans überzeugen konnte, ist es erfreulich und auch erstaunlich, mit welcher Freude sich der Vampir-Film „Only Lovers Left Alive“ darbietet. Hervorragend besetzt (Tilda Swinton, Tom Hiddlestone, John Hurt, Anton Yelchin, Mia Wasikowska und Jeffrey Wright), mit toller Kameraarbeit und toller Musik, ist Jarmusch mehr ein Film über die Vergänglichkeit der Dinge und das Wesen der Zeit gelungen und weniger ein Gerne-Beitrag zum Vampir-Thema. Ein später Zugang zur Reihe der besten Filme des Jahres 2013 und ein weiterer Beitrag zur „Film im Dialog“-Reihe.
Das Jahr geht mit dem neuen Film von und mit Ben Stiller zu Ende. Sein etwas sentimentaler aber herzlicher „The Secret Life of Walter Mitty“, hat wunderschöne Landschaftsaufnahmen, eine ansprechende Botschaft und liefert auch eine gute Darstellung von Stiller. Doch der Regisseur Stiller, steht sich mit seinen etwas kitschigen Tagträumen, dem uninspiriert genutzten Score und der mit einem Holzhammer vermittelnden Moral selbst im Weg. Unterhaltsam, ambitioniert aber ohne die handwerklichen Fähigkeiten, aus dem Material alles heraus zu holen, was möglich wäre.

La vie d'Adèle / http://www.studiosystemnews.com/wp-content/uploads/2013/10/blue-is-the-warmest-color-poster1-e1381173193485.jpg

Die Filme von Otto Preminger haben mich nie wirklich gepackt, selbst Klassiker wie „Laura“ (1944) blieben nie so recht hängen. Das überlange „Exodus“ (1960) hat mich noch mehr abgestoßen…so dauerte es, bis ich mich an „Bunny Lake is Missing“ (1965) wagte. Preminger erzählt die Geschichte einer Amerikanerin in England, deren kleines Kind am ersten Tag verschwindet, sehr unterhaltsam und legt den Fokus auf die Eigenheiten des englischen Wesens. Wenn das Geheimnis um das verschwundene Mädchen aufgelöst wird, hat sich die spannende Handlung leider in einem absurden Finale ausgedünnt.
Um den Horrorfilm „Tetsuo“ (1989) von Shinya Tsakumoto zu beschreiben, muss man Vergleiche anstrengen. Jene mit David Lynch und „Eraserhead“ oder mit David Cronenberg und „Videodrome“ oder auch jene mit Jan Svankmajer. Der knapp über eine Stunde laufende Film um die Transformation eines Mannes in einen Metallmann ist eine beeindruckende Erfahrung, selbst wenn man kaum in der Lage ist, das Geschehen ganz zu fassen.
Dokumentarfilme zu Richard Nixon sind sehr rar, umso erstaunlicher ist die von Penny Lane zusammengestellte Heimfilmcollage „Our Nixon“ (2013) die sich auf das Material dreier enger Mitarbeiter stützt. Das Bild eines Präsidenten, der glaubt unbeobachtet zu sein, ist ebenso erhellend wie teilweise erschreckend. Richard Nixon bestätigt in diesen Heimfilmaufnahmen jegliches Klischee das über ihn kursiert.
Nachdem Marvel mit den Avengers Erfolge feiert und die erste X-Men-Trilogie eher unbefriedigend abgeschlossen wurde, war es offenbar Zeit, eine Art X-Men-Prequel-Trilogie zu produzieren. Matthew Vaughn gelingt mit „X-Men: First Class“ (2011) ein humorvoller und unterhaltsamer Ausflug in die Sechziger. Die Kubakrise dient als Hintergrund für die Selbstfindung der X-Men rund um Professor Charles Xavier (James McAvoy) und Erik Lehnsherr (Michael Fassbender). Für einen Ausflug in die Vergangenheit der X-Men, ein wenig zu lang geraten und zudem in der Darstellung der Kubakrise aus Mutantensicht eher schlampig, ist es dennoch passable Abendunterhaltung.
Nachdem ich mir Christopher Nolans Abschluss der „Dark Knight“-Trilogie zu Gemüte geführt hatte, stieß ich auf YouTube auf seinen amüsanten Kurzfilm „Doodlebug“ (1997). Ein sehr simpler 3-Minüter, dessen Twist schon zu Beginn deutlich zu erkennen ist, doch Nolan zeigt ein Händchen für die humorvolle Inszenierung dieser kafkaesken Erzählung.
Die kurzweilige Dokumentation „Not Quite Hollywood“ (2008) von Mark Hartley ist ein amüsanter Blick in die glorreiche Zeit der Ozploitation, mit Quentin Tarantino in der Rolle, die ihm am meisten liegt: der obsessive Fan. Tarantino führt auch durch die etwas zäheren und oberflächlicheren Stellen mit seinem ansteckenden Enthusiasmus. Auch wenn man kein Interesse an Exploitationfilmen hat, so ist diese Dokumentation ein schöner und kompetent gemachter Einblick in eine Welt, abseits von Hollywood.
Der estische Sci-Fi-Krimi „Hukkunud Alpinisti hotell“ (1979) basiert auf einem im osteuropäischen Raum erfolgreichen Roman der beiden Brüder Arkadiy und Boris Strugatskiy, die auch das Drehbuch verfassten. Regisseur Grigori Kromanov konzentriert sich bei der Inszenierung der recht absurden Handlung, auf Details im Set-Design, in der Schauspielerführung und in der lakonischen Erklärung des großen finalen Twists. Ein eigenwilliger Sci-Fi-Film, der bereits durch die Art und Weise, wie er die Geschichte erzählt, fasziniert.
Ebenfalls eine sehr eigenwillige Geschichte erzählt Philipp Haas in seiner Paul-Auster-Adaption „The Music of Chance“ (1993). Mandy Patinkin spielt Jim Nashe, der auf seinem Weg nach New York auf einen offenbar zuvor zusammengeschlagenen Mann namens Jack Pozzi (James Spader) trifft. Gemeinsam landen sie auf dem Anwesen des eigenwilligen Duos Flower und Stone (Charles Durning & Joel Grey), damit Jack in einem Pokerspiel sein Geld wieder zurückgewinnen kann, welches er zuletzt bei ihnen verlor. Doch die Sache gerät in eine Schieflage und schließlich sehen sich Jim und Jack unter Aufsicht des nur scheinbar extra höflichen Calvin Murks (M. Emmet Walsh). Haas erzählt eine absurde Geschichte, die teilweise an Samuel Beckett oder Eugène Ionesco erinnert. Einzig die eine oder andere etwas aufgesetzt wirkende Szene, verhindert, dass man ohne ein bisschen zu meckern, diesen Film loben könnte. Doch auch mit ein paar kleineren „Patzern“ entpuppt sich das kaum bekannte „The Music of Chance“ als ein Juwel, welches eine Neu-Entdeckung rechtfertigen würde.
Als Independent-Schatz gilt Neil Burgers Mockumentary „Interview with the Assassin“ (2002) mit einem hervorragenden Raymond J. Barry als angeblichem zweiten Schützen beim Attentat auf John F. Kennedy. Was zunächst als interessante Auseinandersetzung mit Verschwörungstheorien und dem Kult rund um das Attentat auf Kennedy beginnt, entwickelt sich mit Fortdauer zu einem langweiligen Ablauf unspektakulärer Treffen und Ereignisse. Erst am Ende wird versucht, eine überraschende Wendung einzubauen, doch da hat man schon längst das Interesse verloren.
Wenn es um legendäre Flops geht, dann kommt man um „Cleopatra“ (1963) kaum herum. Begonnen unter der Ägide des legendären Rouben Mamoulian und schließlich vom nicht minder legendäre Joseph L. Mankiewicz nach kurzer Zeit übernommen und als zwei geteiltes Spektakel konzipiert, präsentiert sich das nunmehr vierstündige Mammutmonstrum als Ausgeburt der Langeweile. Eine kompetente Inszenierung, passable (Burton, Taylor, Landau) bis großartige (Harrison, McDowall) Darsteller und imposante Sets, überraschen und faszinieren nur zu Beginn. Spätestens wenn Cäsar getötet wurde und „Cleopatra“ in seine zweite Hälfte eintritt, fällt das kolossale Melodram in sich zusammen. So bekannt die Hintergrundgeschichte ist, so wenig spürt man davon im fertigen Film. Von Leidenschaft oder einer Hass-Liebe ist bei Richard Burton und Elizabeth Taylor kaum etwas zu sehen und der Film selbst wirkt, als wäre er bereits zur Entstehungszeit ein Relikt einer verblichenen goldenen Ära gewesen.
Unser „Film im Dialog“ versucht die verschiedenen Facetten dieser Großproduktion zu beleuchten.
Teinosuke Kinugasa ist eine dieser Entdeckungen, die ich der Dokumentation „The Story of Film“ verdanke. Der Stummfilm „Kurutta ippeij“ (1926) hat mich mit seinem Reichtum an Details und in der Erzählung überwältigt. Überwältigt war ich auch von seinem Samurai-Melodram „Jigokumon“ (1956), welches dereinst den Hauptpreis bei den Filmfestspielen von Cannes überreicht bekam. Die gewaltige Farbpalette dominiert die intelligente Handlung, das kann auch ein Nachteil sein, da man aufgrund der Farbenpracht zum Teil gar nicht mehr auf die Eifersuchtsgeschichte achtet, die nicht weniger imposant erzählt wird.
Den gegenteiligen Weg geht Randy Moore in seinem Guerilla-Film „Escape from Tomorrow“ (2013), der den Horror des beständigen Fröhlichseins im Disneyland-Ressort in Orlando erzählt. In wunderbar genutztem monochromen Schwarzweiß nutzt sich zwar die grundlegende Idee relativ schnell ab, und hätte Moore ein wenig hie und da gekürzt um die etwas dünne Geschichte zu verdichten, so wäre dies wohl ein Geniestreich. So ist es eine lustige Idee, die in einen unterhaltsamen aber aufgrund der tollen Ausgangslage doch etwas enttäuschenden Film mündet.
Ein Stephen-Hawking-Doppel gab es, nachdem ich „Hawking“ (2004) von Philip Martin zu sehen bekam. Benedict Cumberbatch spielt – wie mittlerweile eigentlich gar nicht mehr anders zu erwarten – hervorragend den jungen Kosmologen, der mit seiner fortschreitenden Krankheit und seiner Dissertation konfrontiert wird. Cumberbatch ist die Hauptattraktion in einem recht konservativ gefilmten TV-Biopic. Dafür führte es zu einer Sichtung der Errol Morris-Dokumentation „A Brief History of Time“ (1991), basierend auf dem Bestseller von Hawking. Morris ist allerdings nicht minder konservativ in seiner Arbeit. Beiden Filmen ist anzusehen, wie ernst sie den Menschen Hawking und seine Thesen nehmen, doch beide schaffen es nicht, diese Seriosität in Begeisterung zu verwandeln. So bleiben beide Arbeiten, kompetent gemachte Fernsehunterhaltung. Nicht mehr, nicht weniger.
…und wenn man schon bei Cumberbatch ist, dann muss man sich den von ihm mitproduzierten Kurzfilm „Little Favour“ (2013) unbedingt ansehen. Patrick Viktor Monroe kreiert in dem Kurzfilm eine dichte Thrilleratmosphäre und überrascht mit Cumberbatch in der Rolle als eine Art Special-Op, der einem Freund einen Gefallen tut. Actionszenen, gut setzte Dialoge und fein gespielt. Eine klare Empfehlung.
Ein weiterer interessanter Kurzfilm ist Carl Rinschs „Parallel Lines: The Gift“ (2010). Der Transport eines geheimnisvollen Pakets vor dem als Filmhintergrund immer ansehnlichem Kreml, ist nur der Vorwand damit Rinsch eine mit feinem CGI ausgearbeitete Verfolgungsjagd zeigen kann. Gut gemachte Action aber bei vier Minuten Dauer auch nicht mehr als ein Werbevideo für den Regisseur.
Die Filme mit James Spader durchzuarbeiten, artet hin und wieder in richtige Arbeit aus. Wenn etwa ein Werk wie der von Fritz Kiersch inszenierte Jugend-Thriller/Melodram/Musik-Film „Tuff Turf“ (1985) abläuft, bereut man ein wenig sich darauf eingelassen zu haben. Merkwürdig geschnitten, mit allen möglichen Achtzigerjahre-Klischees aus Jugendfilmen angefüllt und zugleich doch wie ein völlig veralteter Fünfzigerjahre-Streifen wirkend, kann wirklich Nichts „Tuff Turf“ retten. Auch nicht ein sich abmühender Spader nicht (wobei auch die restlichen Darsteller nicht schlecht – allerdings auch nicht sonderlich gut – spielen…der Film ist schlicht und ergreifend schlecht).
Cyril Tuschis Dokumentarfilm „Khodorkovsky“ (2011) ist momentan von peiningender Aktualität. Die Freilassung des berühmtesten Häftlings Russlands, ist der perfekte Vorwand um sich die Arbeit des deutschen Dokumentarfilmes näher anzusehen. Dabei fällt auf, dass sich Tuschi in seiner Aufarbeitung der Geschehnisse immer wieder verheddert. Mal steht ein Porträt des einstig Milliardenschweren Oligarchen im Mittelpunkt, dann eine Analyse der russischen Gesellschaft im Wechsel vom Kommunismus zur Demokratie und schließlich auch Tuschi selbst, und seine Suche nach Antworten. Diese Zerrissenheit hilft dem Film nicht weiter und verstellt oft den Blick darauf, was er eigentlich erzählen möchte…worüber man am Ende eben nicht wirklich Bescheid weiß.

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The 1001 Project
Geprägt von britischem Humor und erschreckender Erbarmungslosigkeit, zeigt Lindsay Anderson den Alltag in einer fiktiven englischen Privatschule. „If…“ (1968) ist in der Vermengung von hartem Schulalltag mit despotischen Lehrern und nicht minder tyrannischen Mitschülern sowie surreal erscheinenden Szenen in Schwarzweiß eine beeindruckende Studie, wie Menschen an ihrer Umwelt zerbrechen und sich an ihr rächen. Ein Film der mehr mit Gus van Sants „Elephant“ denn mit Peter Weirs „Dead Poet Society“ gemein hat.
Viele Übereinstimmungen findet man jedoch in Jean Vigos Kurzfilm „Zéro de conduite“ (1933), der sowohl für Anderson als auch für Weir eine Inspirationsquelle darstellte. Im Grunde erzählt Vigo dieselbe Geschichte wie Anderson (oder besser gesagt: Anderson dieselbe wie Vigo), nur dass Vigo sich jüngere Darsteller erwählte und die Form der Rebellion gegen das Schulwesen (und metaphorisch betrachtet: die Gesellschaft) träumerische und fantastischere Züge annimmt. Beiden Filmen gemein ist ihre Wirkung auf den Zuseher, der von beiden Werken gepackt wird.
Jahrelang habe ich einen großen Bogen um „It’s a Wonderful Life“ (1946) gemacht. Angeblich handelt es sich hierbei um den Lieblingsfilm von Frank Capra und James Stewart und ich kann verstehen, weshalb dieser kitschige und schmalzige Weihnachtsfilm (der ja gar kein Weihnachtsfilm sein soll) auf so viel Begeisterung stößt. Stewart spielt großartig, Capra lenkt die Handlung in bekannte „Christmas Carol“-Bahnen und lässt sich offenbar nicht aus seinem Konzept bringen. Anders lassen sich die „Himmelsszenen“ nicht erklären. Ich respektiere diesen Film aber mir ist er zu oberflächlich, zu kitschig und auch zu scheinheilig.

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Die Oscar-Liste
…und wieder wurde ein Preisträger des Best Picture-Oscars gesichtet. Elia Kazans „Gentleman’s Agreement“ (1947) war ein lange erwartetes Highlight dieser Liste. Schließlich behandelt Kazan in dem Film den alltäglichen Antisemitismus in den USA. Spencer Tracy als Reporter, der sich für eine Story über Antisemitismus überall klar als Jude deklariert, vermag zwar in emotionalen Auseinandersetzungen (etwa bei dem Versuch ein Hotelzimmer in einem Nobelhotel zu bekommen) überzeugen, doch seine Liebesszenen mit Dorothy McGuire wirken seltsam steril. Dazu passt dass Kazan selbst mit seiner (auch mit dem Oscar für die Beste Regie ausgezeichneten) Arbeit nicht zufrieden war. Tatsächlich ist dies ein Werk, welches über eine wichtige Botschaft verfügt aber darüber hinaus leider nur selten überzeugen kann.
Mir fehlen die Worte um das skandalös populäre Filmmusical „The Sound of Music“ (1965) richtig zu besprechen. Eine Fantasy-Kitschorgie, die sich in einer unglaublich langweiligen und Klischeebeladenen Handlung verstrickt, nur um am Ende irgendwie plötzlich die Nazis und den Zweiten Weltkrieg einzubauen. Davor verstopfen grausame Songs die Ohren, nerven die lästigen Kinder, die ihre neue Gouvernante (Julie Andrews) dann doch lieb gewinnen, genauso wie die singenenden Nonnen oder der sture Captain von Trapp (Christopher Plummer). Kaum zu glauben dass diese Musical-Extravaganza derartige Popularität erringen konnte.
Bei so manchem Oscar-Gewinner hat es wohl seine Berechtigung, dass sie mit der Zeit in Vergessenheit gerieten. Die britische Kostümkomödie „Tom Jones“ (1963) von Tony Richardson, ist heute eher dafür bekannt, dass sie dem walisischen Sänger die Vorlage für seinen Künstlernamen gab. Das zotige Treiben rund um ein ausgestoßenes Baby, auf der Suche nach einem Weg die im Klassensystem scheinbar unerreichbare Sophie (Susannah York) für sich zu gewinnen, erinnert in seinen besten Momenten an britische Gesellschaftsromane á la „Barry Lyndon“, „Vanity Fair“ oder „Tristram Shandy“ (allesamt auch bessere oder viel bessere Filme denn dieser Oscar-Gewinner) und lässt das eine oder andere Lachen aufkommen. Abgesehen von einer humorvoll-sarkatischen Erzählerstimme und der tollen Leistung von Hauptdarsteller Albert Finney, ist „Tom Jones“ aber einer jener Oscar-Gewinner, die man wohl kaum als solche eingestuft hätte.

Re-Visited
Im Zuge von „The Counselor“ war es wieder an der Zeit sich die Cormac McCarthy-Adaption „No Country for Old Men“ (2007) von den Coen-Brüdern zu Gemüte zu führen. Ein Film der im Abstand des Oscar-Hypes und mit ein paar Jahren auf dem Buckel sogar an Qualität dazu gewonnen hat. Eine erbarmungslos spannende und auch humorvolle Erzählung, mit grandiosen Darstellern.
Von ebenso hoher Qualität ist der das Jahr darauf zum Besten Film gekürte Thriller „The Departed“ (2008), auch wenn hin und wieder durchscheint, dass es sich bei dem Remake von Martin Scorsese nicht um seinen persönlichsten Film handelt, überrascht die hohe Qualität und die intensive Erzählung, in der kein Charakter ungeschoren davon kommt.
Endlich kam ich dazu, den Comic „Black Hole“ von Charles Burns zu lesen, da musste auch wieder das Pitch Reel (2010) von Rupert Sanders betrachtet werden. Noch immer zeigt Sanders, dass er die Atmosphäre des Comics gut eingefangen hat und wohl eine interessante Wahl für eine Filmadaption wäre.
Ein Musical-Doppel hat es auch wieder geschafft, betrachtet zu werden. Baz Luhrmanns „Moulin Rouge!“ (2001) mag mit seiner kitschigen Handlung und seinem wild gewordenem Einsatz von Popsongs und Kamerafahrten irritieren, ist aber das beste Beispiel für die Wiederauferstehung des Film-Musicals Anfang des 21. Jahrhunderts. Luhrmann vermengt Kitsch, Melodram und Bollywood zu einer wild rasenden musikalischen Irrfahrt, in der vor allem Jim Broadbent und Ewan McGregor überraschen. Im Jahr darauf wurde das Erfolgsstück „Chicago“ (2002) verfilmt. Rob Marshall entschied sich in weiser Kenntnis seines Publikums, Fakt und Fiktion in Spielfilm- und Musical zu trennen und doch an entscheidenden Stellen zu vermengen. So kommt es, dass der Zynismus sich mit viel Humor und überraschend klugen Einsichten zu Moral und Popularität paart.
Seit dem Kinobesuch habe ich keinen Blick mehr zurück auf „The Dark Knight Rises“ (2012) geworfen. Doch gerade nach einer Reihe eher enttäuschender Blockbuster, stieg der Drang, sich den Abschluss der Trilogie erneut anzusehen. Die Qualität ist so hoch, wie man sie in Erinnerung behalten hat. Zwar erscheint ohne die große Leinwand der erste Auftritt von Bane im Flugzeug alberner als im Kino, doch der Rest des Films schafft es auf einem erstaunlich hohem Niveau, Blockbuster-Entertainment zu bieten. Zwar nicht so gut wie der Vorgänger „The Dark Knight“, dennoch großes Kino.
Ebenso großes Kino ist auch beim erneuten Wiedersehen, der Michael-Mann-Thriller „Public Enemies“ (2008). Die damalige Entscheidung den Film komplett digital zu drehen, erweist sich als hervorragender künstlerischer Kniff, da Manns Erzählung der John-Dillinger-Saga schlicht anders wirkt und eine eigene Aura erhält. Johnny Depp fasziniert als knallharter Gangster, der seiner eigenen Hintergrundgeschichte ebenso wenig Aufmerksamkeit widmet, wie Mann und ihn schlicht als Symbol seiner Zeit präsentiert. Christian Bale kommt in der neuen Sichtung besser weg, denn damals. Womöglich hatte man einfach auf eine etwas energischere Darstellung gehofft, doch Bale trifft den Ton seines Charakters sehr genau. Zwar leistet sich Mann so manchen erzählerischen Durchhänger und ich hätte mir eine größere Vermischung von Dokumentar-artigem Material und dem Digitalmaterial gewünscht, dennoch bleibt „Public Enemies“ ein sehr guter Gangsterfilm.
Nachdem ich endlich „Cleopatra“ gesehen habe, gelüstete es mich, Stanley Kubricks „Spartacus“ (1960) erneut zu sehen. Im Vergleich mit dem später veröffentlichen „Cleopatra“ fällt vor allem der moderne und geradezu intellektuelle Zugang zum Sandalenfilm auf. Kubrick scheut nicht vor intimen Momenten zurück und belässt es bei wohl gesetzten Schlachtszenen. Viel von dem, was „Spartacus“ in der ersten Hälfte ausmacht, kann auch in „Gladiator“ wieder entdeckt werden. Dennoch, da ich keine große Vorliebe für das so genannte Sandalen- und Bibelkino hege, schafft es auch Kubrick nicht, mich völlig zu überzeugen. So gut inszeniert die Handlung auch ist und so wunderschön es ist, dass Kubrick ein eher pessimistisches Ende zulässt.
Ein ebenso pessimisitsches oder doch eher ambivalentes Ende hat John Sayles in seinem vielschichtigem Meisterwerk „Lone Star“ (1996) zu bieten. Chris Cooper als Sherrif, der in der Vergangenheit seines übermächtigen und geradezu wie einem Heiligen verehrten Vater herum wühlt, ist nur einer von mehreren Handlungssträngen, in denen Sayles dem Wesen des texanischen Staates und seiner Beziehung zu Mexiko nachgeht. Ein hervorragendes Drehbuch, ein toll aufspielendes Ensemble und eine Inszenierung die das alles in die passenden Bilder setzt. Einer meiner liebsten Filme der 1990er.
Weihnachten ist die Zeit, in der man Filme wieder „besucht“, die einem zu einer anderen Zeit im Jahr, irgendwie unpassend erscheinen. Eine ganze Welle solcher Filme gab es um den 24.12. herum. Zunächst war da, der britische Schmalzklassiker „Love Actually“ (2003) von Richard Curtis. Ein Film der sein Ensemble zu guten Leistungen antreibt und innerhalb einer geradezu artifiziell wirkenden Umgebung, dennoch auf schöne Weise von Liebe und Gemeinschaft erzählt. Kitschig aber mit einem gewissen Sinn dafür.
Zwei Zeichentrick-Klassiker durften natürlich auch nicht fehlen. „A Charlie Brown Christmas“ (1965) punktet natürlich mit dem Schwermut seines Hauptcharakters und der hintergründigen Komik (auch wenn die Weihnachtsbotschaft ein wenig arg platt am Ende dazu gepackt wird), während der Oscar-nominierte Kurzfilm „Mickey’s Christmas Carol“ (1983) auf kompetente Art, die Dickens’sche Weihnachtsgeschichte in den Disney-Kosmos versetzt, mit all seinen Vor- und Nachteilen in der Figurenzeichnung.
Weniger ein Weihnachtsfilm aber irgendwie doch auch passend, war die erneute Sichtung des unterschätzten „Moonstruck“ (1987). Die mehrfach preisgekrönte Romantikkomödie zeigt Cher so gut wie nie zuvor, einen hervorragenden Nicolas Cage und zudem eine ganze Riege an arrivierten Stars (Olympia Dukakis u.a.) in Bestform. Norman Jewison erzählt seine Geschichte von geraubter und neu gefundener Liebe in einem italo-amerikanisch geprägten New York, das genauso gut ein Dorf am Land sein könnte, so klein und in sich geschlossen ist diese Welt.
So ganz und gar nicht weihnachtlich aber das perfekte Kontrastprogramm, war David Finchers „Zodiac“ (2007). Auch ein Film der leider unterschätzt wurde und wird. Zwar steht vordergründig die Jagd nach dem mysteriösen Serienkiller im Raum San Francisco im Blickpunkt, doch viel wichtiger scheint, wie die über die Jahre gehende Jagd, sich in den Köpfen der Männer (Chloe Sevigny kommt als einziger nennenswerter weiblicher Charakter nur am Rande vor) festsetzt und sie geradezu zerfrisst (man sehe nur den körperlichen Verfall von Robert Downey Jr. oder den immer mehr in seine Recherchen versinkenden Jake Gyllenhaal). Nicht Finchers bester Film aber ein beeindruckender Thriller der zugleich Charakterstudie ist.
Nach dem Genuss seines neuesten Filmes, war es an der Zeit einen meiner liebsten Filme von Jim Jarmusch erneut zu sichten. „Dead Man“ (1995) zeigt Johnny Depp noch in etwas experimentellerer Spielfreude, bevor er zum Superstar wurde und seine Manierismen unter dem Ballast großer Produktionen unterzugehen drohen („Dark Shadows“, „The Lone Ranger“). Die Kameraarbeit zeigt den Wilden Westen in wunderschönstem Schwarzweiß, der Soundtrack klingt noch genauso reizvoll wie einst und die von absurder Komik durchzogene Odyssee des William Blake durch das amerikanische Genrekino, ist auch dank etlicher Blake-Zitate und Running Gags („Do you have any tobacco?“) immer noch ein Beispiel besten US-Independent Kinos.
Eine Idee wie sie aus dem Kopf von Charlie Kaufman stammen könnte, präsentierte Sophie Barthes in ihrem Debütlangspielfilm „Cold Souls“ (2009) . Paul Giamatti brilliert als neurotischer Schauspieler, der Probleme mit seinem Spiel und seiner Seele hat. Doch die Handlung rund um einen russischen Seelenschwarzmarkt, verströmt nur Langeweile, auch wenn es amüsant zu sehen ist, wie Giamatti in typisch russischer Winterkleidung auf der Suche nach seiner „verlorenen“ Seele ist.

Lone Star / http://nighthawknews.files.wordpress.com/2011/12/lone_star_john_sayles_kris_kristofferson_matthew_mcconaughey.jpg

Das monatliche Update bietet einen knappen Überblick über alle Filme, die ich im Laufe eines Monats gesichtet habe. Darunter fallen Werke aus den hier publizierten Listen sowie Kino-Neustarts und Filme die ich nach längerer Zeit wieder einmal sichte. Im Update werden diese in verschiedene Kategorien unterteilt.

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