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Das Kinojahr kommt langsam in die Gänge. Mit dem ersten richtig heiß erwarteten Blockbuster („Avengers: Age of Ultron“), meinem ersten Ausflug ins Theater-Kino/Kino-Theater („Frankenstein“) und einer ganzen Reihe an neuen Serien, die für Aufsehen sorgen („Better Call Saul“, „Daredevil“). Der 75. Geburtstag von Al Pacino und die Wiederentdeckung von Orson Welles, runden den April ab.

Neuzugänge
Jennifer Aniston bewies vor Jahren mit „The Good Girl“, dass sie sehr wohl mit dem dramatischen Fach zurecht kommt. Doch „Cake“ (2014) wirkt in allen Belangen, wie der Schrei nach ein wenig Oscar-Liebe. Dabei ist Anistons Darstellung sehr gelungen, wenngleich auch – wie der Film selbst – zu dick aufgetragen. Das ganze Unterfangen erinnert auch mehr an einen „Fernsehfilm der Woche“, gerade da so viele prominente Gesichter (Felicity Huffman, Anna Kendrick William H. Macy) für mehr oder weniger gelungene Kurzauftritte vorbei schauen.
Als die Bühnenversion von „Frankenstein“ (2011) mit Benedict Cumberbatch und Jonny Lee Miller in abwechselnder Folge als Kreatur und Doktor in London seine Premiere feierte, waren weltweites Lob und ausverkaufte Vorstellungen die Folge. Es war auch jene Inszenierung, die mir die Kinoabende „National Theatre Live“ näher brachte. Nun konnte ich endlich selbst die von Danny Boyle inszenierte Fassung des moderenen Prometheus-Mythos betrachten und bewunderte dabei Benedict Cumberbatch als kindliche Kreatur, die langsam das Menschsein erlernt und schließlich in dunkelste Abgründe stürzt, während Jonny Lee Miller den Doktor als arroganten und abgehobenen Forscher mit Gotteskomplex darstellt. Boyle lässt sich in der ersten halben Stunde beinahe etwas zu viel Zeit, und man beobachtet eine sehr detailreiche Selbstfindung der Kreatur, die bis zum Ende ohne Namen auskommt. Das Bühnenbild ist spartanisch, aber profitiert vom Lichteinsatz. Dieser „Frankenstein“ hat zwar mehr mit den beiden Filmen zu tun, denn mit dem Buch, ist aber eine überraschend schmissige und tiefgründige Inszenierung. In unserem Dialog besprechen wir das System Theater im Kino.
Phase Two des Marvel-Universums kommt mit „Avengers: Age of Ultron“ von Joss Whedon zu einem spektakulären Abschluss. Während ein Großteil der Fangemeinde vor allem von „Guardians of the Galaxy“ eingenommen war, so sagt mir persönlich das Superhelden-All-Star-Treffen mehr zu. James Spader darf zudem als böse künstliche Intelligenz Ultron all seine stimmlichen Markenzeichen einsetzen, um zwischen Einschüchterung und Sarkasmus hin und her zu pendeln. So wie auch der Film. Zwar wirkt das Actionabenteuer durch die hastige Einführung von Quicksilver und Scarlet Witch sowie die vielen vielen Anspielungen und Cameo-Auftritte anderer Helden stellenweise überladen, doch Whedon kann mit viel Humor die Absurdität der Handlung in einem straffen Korsett halten und verliert seine Zuseher auch nicht. Natürlich widmeten wir einem der größten Blockbuster des Jahres einen Dialog.
Nach einigen nicht ganz so enthusiastisch aufgenommenen Filmen („Alice in Wonderland“, „Dark Shadows“) schien Tim Burton mit dem Biopic „Big Eyes“ (2014) wieder in künstlerisch ansehnlicheres Fahrwasser zu gelangen. Doch die Geschichte um die Malerin Margaret Keane (Amy Adams) und ihren Ehemann Walter (Christoph Waltz) wird von Burton zwar interessant und unterhaltsam aber doch zu leichtgewichtig inszeniert. Adams (naiv und würdevoll) und Waltz (linkisch und charmant-verschlagen) bieten großartige Leistungen, doch zu oft gerät die Geschichte in allzu bekannte Handlungsmuster und vergisst dabei klar nachvollziehbare Motivationen zu liefern. So sind gewisse Dinge einfach zu glauben, und nicht nachzuprüfen. Darin liegt dann auch die größte Schwäche von „Big Eyes“. So unterhaltsam und amüsant die Erzählung des Schaffens des Künstler“paares“ auch ist, so wenig wagt Burton unter die Oberfläche zu blicken.
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Claude Lanzmanns monumentale Dokumentation „Shoah“ hat seinen Platz in der Filmgeschichte. Doch dabei fehlten gewisse Teile, etwa ein Gespräch mit dem letzten Überlebenden des jüdischen Ältestenrats des Modellghettos Theresienstadt, Benjamin Murmelstein. Lanzmann benötigt beinahe vier Stunden um den kontrovers diskutierten Murmelstein auf den Zahn zu fühlen. In „Le dernier des injustes“ (2014) mischt Lanzmann die Aufnahmen seines Gesprächs, welches er in den 1970ern in Rom mit Murmelstein führte, mit neu gedrehten Szenen der Orte, an denen sich die Ereignisse, von denen Murmelstein berichtet, zugetragen haben. Der Kern ist ein sich immer wieder mit „Schauen sie…“ erklärender Murmelstein, der zwischen eigener Verklärung und klarsichtiger Analyse hin und her schwankt. Ein faszinierendes Zeitzeugnis und ein forderndes aber auch lohnendes Werk über einen interessanten Menschen.
Mit dem Animationsfilm „Vals Im Bashir“ (2008) ging Filmemacher Ari Folman seinen Erinnerungen über den Krieg im Libanon nach. Der träumerische Dokumentarfilm (der immer wieder wie ein Essay wirkt) lebt von seinen beeindruckenden Rotoskop-Arbeiten und dem zugleich inhaltlich nüchternen Zugang zur Thematik. Die einstigen Kameraden und Freunde Folmans sind allesamt durch den Krieg auf ihre Weise gezeichnet und der Horror dieser Zeit, wird gerade durch die Animation effektiv vermittelt.
Bei der letzten Viennale wollte ich unbedingt die Dokumentation „Altman“ (2014) sehen. Nachdem ich dies nun doch erst via Netflix erledigt habe, bin ich froh, mir das Geld für die Eintrittskarte gespart zu haben. „Altman“ zeigt Leben und Werk des großen amerikanischen Indpendent-Filmemachers (der von Pauline Kael mit Bergman und Fellini verglichen wurde) in rasch abgearbeiteten Vignetten. Die Schwerpunkte, die gesetzt werden, stehen offen zur Diskussion, aber weshalb manche Filme noch nicht einmal erwähnt werden („Cookie’s Fortune“) erscheint eigenartig. Ein braver Fernsehbeitrag, aber keine wirklich tiefschürfende Arbeit.
Was wurde aus John Travolta? Heutzutage macht Travolta mehr Schlagzeilen mit seinem Verhalten bei Preisverleihungen und als öffentlicher Verteidiger von Scientologe. Dabei könnte er auch heute noch ein Gewinn für etliche Filme sein. Der beste Beweis ist „From Paris with Love“ (2010). Unter der Regie von Pierre Morel – der auch „Taken“ inszenierte – rasselt ein wild gewordener CIA-Agent (Travolta) mit seinem neuen jungen Partner (Jonathan Rhys Myers) durch Paris. Politisch unkorrekte Witze, solide Actionszenen und zwei gut aufgelegte Hauptdarsteller. Keine besondere Filmkost, aber immerhin ein Beweis dafür, dass ein John Travolta noch unterhaltsam sein kann.
Wenn Al Pacino Regie führt, dann ist das eine besondere Angelegenheit und dabei ist es geradezu eine Herkules-Aufgabe, sich diese Filme anzusehen. Denn Pacino behandelt seine Inszenierungen wie private Liebhaber-Projekte, und kümmert sich selten bis gar nicht um einen Verleih. „Looking for Richard“ bekam beinahe einen regelrecht ordinären Verleih, doch „Looking for Stigmatic“ und „Chinese Coffee“ waren über Jahre kaum zu sehen. Beinahe dasselbe Schicksal scheint nun „Salomé“ (2013) und die dazu gehörige Dokumentation „Wilde Salomé“ (2011) zu ereilen. Nach ein paar Festivalaufführungen und einer Spezial-Vorführung des BFI, kann man nun immerhin ein paar Stück der DVD über Großbritannien ordern. Dafür hat das BFI gnädigerweise gesorgt. So sieht man nun Pacino als King Herod und Jessica Chastain in der Rolle, die sie für die Kinowelt interessant machte, als Salomé. Während die Bühnenversion von Estelle Parsons inszeniert wurde und Al Pacino auf der Bühne und im Film eine inszenatorische Rolle übernahm, sieht man in der Filmversion von ihr (naturgemäß) nichts. In der Dokumentation erhält man einen genaueren Einblick in die Bühnenarbeit und wie das Stück entstand. „Wilde Salomé“ (2011) ist nicht von der Kraft und Frische eines „Looking for Richard“ geprägt, aber im Doppel mit „Salomé“ ist dies ein faszinierendes Projekt, in dem viel von der Theaterleidenschaft Pacinos zu sehen ist. Ein Projekt mit Schwächen, mit Fallen aber auch mit überraschenden Entdeckungen.
In „The Humbling“ (2014) spielt Al Pacino den ausgebrannten Film- und Theaterstar Simon Axler. Basierend auf dem Roman (oder auch eher Novelle) von Philip Roth, bekommt Pacino ausreichend Gelegenheit, um zu zeigen, dass er noch immer zu großartigen Darstellungen fähig ist. Dies kann aber auch nur jene überraschen, die seine Karriere eher oberflächlich betrachten. Was jedoch auffällt, ist die selbstreflexive und wunderbar tragisch-komische Performance, die Pacino hier bietet. Das Streben nach einem neuen Lebenssinn und die Hinwendung zu einer viel jüngeren Frau, scheint derart viele Züge von seinem eigenen Leben zu tragen, dass man immer wieder darüber hinweg sieht, dass die Handlung selbst (wie auch im Buch) furchtbar Klischeebehaftet ist. Wie auch im Buch, steht die zentrale Beziehung zwischen Simon und Pegeen (Greta Gerwig) dem Film bzw. dem Buch ein wenig im Weg.
Hans Weingartner überzeugte mit „Das weiße Rauschen“ und „Die fetten Jahre sind vorbei“. Seinen Klassenkämpfer-Gestus aus zweiterem Film, behielt er sich in „Free Rainer“ (2007) bei. Moritz Bleibtreu zeigt aber schon in den ersten fünf Minuten, weshalb das von Weingartner amüsant erdachte, aber völlig überzogen und unlustig inszenierte Szenario zum Scheitern verurteilt ist. Bleibtreu „spielt“ einen egozentrischen Fernsehmacher bei einem Trash-Sender, der in seiner Freizeit sein Auto verschrottet, Koks schnupft, sauft und laute Musik hört. Auch wenn der Film in seinen überlangen zwei Stunden ruhigere und zum Teil sehr lustige Beobachtungen zum Quotendenken im Fernsehen macht, so erholt er sich nie von diesen ersten fünf Minuten. Vor allem da auch die ruhigeren Momente nicht viel intelligenter sind.
Zak Penn ist mir vor allem als Drehbuchautor nicht so gelungener Comic-Filme bekannt. Seine einstündige Dokumentation „Atari: Game Over“ (2014) ist ein unterhaltsamer Abriss zur Geschichte von Atari und dem berühmt-berüchtigten „E.T.“-Spiel, welches angeblich so schlecht und wenig erfolgreich war, dass es von der Firma in der Provinz auf einer Müllhalde vergraben wurde. Penn lässt wenig Stimmen zu, die sich kritischer mit Atari auseinander setzen und setzt auch viel daran, das Spiel „E.T.“ und seinen Schöpfer zu rehabilitieren. Interessant aber auch ein wenig einseitig.
Der von Roger Corman produzierte Haihorror „Sharktopus“ (2010) hat Eric Roberts in einer Nebenrolle und furchtbare Spezialeffekte zu bieten. Damit wäre auch schon alles gesagt.
Der Argentinier Damián Szifrón wurde für seine Episodenkomödie „Relatos salvajes“ (2014) für den Oscar für den besten fremdsprachigen Film nominiert. Szifrón inszeniert einen wunderbar unterhaltsamen, humorvollen und großteils bitterbösen Abriss der argentinischen Gesellschaft. Immer lässt er einfach zu lösende Konflikte grandios eskalieren und kann sich dabei auf tolle Darsteller stützen. Doch in manchen Passagen vertritt er eine gesellschaftliche Haltung, die mir zuwider läuft (ein Parksünder, der zum Bombenattentäter wird, da die Schalterbeamten seinen Klagen nicht nachkommen, ist auf den ersten Blick lustig, auf den zweiten ein viel zu vereinfachter Gag).
Benedict Cumberbatch kann man momentan nicht entkommen. Die mit Spielfilmszenen angereicherte Dokumentation „Van Gogh: Painted with Words“ (2010) zeigt Cumberbatch in ehrlich gesagt viel zu guter Form als Vincent Van Gogh. Seine Leistung hätte sich ein großes Biopic (eines wie „Lust for Life“ mit Kurt Russell und Anthony Quinn) verdient und er würde gefeiert für seine Darstellung. So ist er eingebettet in einen hübsch inszenierten Info-Film, der wirkt, als sei er für eine Bonus-DVD eines Museums-Katalogs erstellt worden. Gerade das macht seine Leistung noch interessanter, da sie so vielschichtig wirkt. Für sich genommen, ein unterhaltsamer Dokumentarfilm, auch wenn er wohl am besten mit dem Besuch einer Van Gogh-Ausstellung besser wirkt.
Alex Gibney arbeitet wie ein Schnellzug seine Dokumentationen ab. Das hat oft zur Folge, dass sie ein wenig unfertig wirken, wie etwa seine Arbeit zu WikiLeaks. Bei „Going Clear: Scientology and the Prison of Belief“ (2015), kommt Gibney im Grunde mit denselben Talking Heads aus, wie jede andere Dokumentation, doch dabei konnte er eine ungeheure Materialmenge ansammeln, die für sich selbst bereits funktioniert. Wenige nachgestellte Szenen, viel Archivmaterial und Einblicke von einstigen Sektenmitgliedern, lässt Gibney in einem straffen (oft mit zu platter Musik untermalten) Rahmen wirken.
Von Scientology führte mich mein Internet-Weg zu „Jonestown: The Life and Death of Peoples Temple“ (2006). Die Dokumentation von Stanley Nelson kann wie jene von Gibney auf viel Archivmaterial und einstige Mitglieder (oder in diesem Fall: Überlebende) zurückgreifen. Doch Nelson gelingt es nicht ganz so eindringlich, den Reiz der Sekte und ihres Anführers zu unterstreichen. Das tragische Ende der Bewohner von Jonestown erschüttert auch in dieser Dokumentation, selbst wenn man oft genug davon gehört oder darüber gelesen hat.
Ein leichteres dokumentarisches Thema war dann schließlich „Lost Kubrick: The Unfinished Films of Stanley Kubrick“ (2007). Die nicht einmal halbstündige Arbeit von Gary Leva wirkt wie ein Bonusfilm einer DVD oder auch eine Beigabe zu einem der hervorragenden Kubrick-Bücher des TASCHEN Verlags. Ein hübscher, kurzweiliger Einblick in die nicht enstandenen Filme „Napoleon“ und „The Aryan Papers“.
Nach „Free Rainer“ war ich ein wenig zurückhaltend, ob ich mir noch „Die Summe meiner einzelnen Teile“ (2011) ansehen soll. Doch die Geschichte des begnadeten Mathematikers Martin (Peter Schneider), der nach 11 Monaten in einer psychiatrischen Anstalt wieder ins Alltagsleben zurückkehren will, erschien mir, wie ein stimmiger Rückgriff auf Weingartners Erstling „Das weiße Rauschen“. Tatsächlich wirkt der bislang jüngste Spielfilm von Weingartner, wie ein Remake von „Das weiße Rauschen“ (die psychische Krankheit eines begabten Mannes, lässt diesen aus allen sozialen Ordnungen fallen) und „Die fetten Jahre sind vorbei“ (die Ungerechtigkeit in einer zerissenen Gesellschaft). Vieles funktioniert auch ganz gut, wie etwa der Rückzug von Martin in den Wald, doch die pure Simplizität des Szenarios und der Figurenzeichnung (böse Polizei, arroganter Yuppie vs. einfache Zahnarztgehilfin) lässt alles in Grundzügen stecken bleiben. Zudem sind die bienahe zwei Stunden Laufzeit für eine leicht zu enträtselnde Metapher zu lang geraten. Im Vergleich zum überzogenen „Free Rainer“ aber immerhin wieder ein Schritt in die richtige Richtung.
Motiviert durch einige Kurzfilme die im Internet zu finden waren und die auf Arte liefen, gab es einen richtigen Themenabend. Der indische Gangsterfilm „Exit“ (2015) von Rohit Shivdas ist wie ein Lehrbuchwerk nach Versatzstücken von John Woo und Michael Mann. Bei knapp 12 Minuten wird die Geschichte eines Auftragskillers und seines letzten Auftrags mit viel zu viel Musik untermalt. Die Luftaufnahmen zeugen hingegen von Könnerschaft.
Der japanische Animationsfilm „Futon“ (2013) von Yoriku Mizushiri beeindruckt durch seinen Animationsstil, aber kann mich mit seiner esoterischen Grundstimmung nicht fesseln.
Ebenso große Probleme hatte der technisch saubere „The Chicken“ (2014) von Una Gunjak, in dem die Zubereitung eines Huhns (aus der Sicht der jüngsten Tochter) zu einer Parabel über den Jugoslawien-Krieg wird. In dieselbe Kerbe schlägt auch „Orfej“ (2013) von Tina Smalcej, der spielende Kinder im Scharfschützenvisier zeigt. Die Aussage, dass Krieg die Hölle ist, erscheint in den kurzen Filmen ein wenig platt. Trotz aller technischer Finesse.
Überraschend einnehmen war „Washingtonia“ (2014) von der Griechin Konstantina Kotzamani. Ihr deutlich von Filmen wie „Attenberg“ oder „Dogtooth“ inspiriertes Werk, spielt mit Andeutungen und visuellen Spielereien, ohne eine wirklich klare Aussage zu wagen. Gerade dies reizt sehr und lässt den Film länger im Gedächtnis verweilen.
Zwei Animationsfilme haben den Arte-Block beschlossen. Marie Steinmetz‘ „Macramé“ (2014) erzählt in eigenwilligem Stil von einer Vergewaltigung und dem psychischen Druck, dem die Mutter des daraus geborenen Kindes unterliegt. „Boles“ (2013) von Spela Cadez ist hingegen leichter gehalten und zeigt die ungewöhnliche Beziehung einer Frau und eines Autoren, der für sie Liebesbriefe verfassen soll, während er selbst von derartiger Post nur träumen kann.
Aus Österreich bekam ich endlich auch den schon länger im Netz besprochenen Kurzfilm „Blonder Engel“ (2013) mit Thomas Nash (nach eigenem Drehbuch) von El Moshinszky zu sehen. Die Film-im-Film-Komödie, zeigt Nash als Drehbuchautoren, der einem aufgeblasenem Wichtigtuer von Regisseur sein Drehbuch anbietet. Gemeinsam mit zwei Schauspielern soll das Werk langsam entstehen, doch bleiben die Beteiligten hauptsächlich in Diskussionen über Film und das Gewerbe stecken. Kurzweilig, aber stellenweise darunter leidend, dass der Möchtegern-Regisseur das Geschehen zu sehr dominiert.
Alma Mahler ist ein Fixpunkt in der kulturellen Welt Österreichs. Bücher, Theaterstücke und nun auch ein Film zu ihrem bewegten Leben. Doch in „Mahler auf der Couch“ (2007) von Percy und Felix Adlon, steht ihr Gemahl Gustav Mahler (Johannes Silberschneider) im Mittelpunkt. Er sucht bei Sigmund Freud (Karl Markovics) Rat und Hilfe. Dass seine Frau ihn mit einem jüngeren Mann betrügt ist Ausgangspunkt für ein Psychogramm der Wiener Moderne, in dessen Zentrum scheinbar Alma Mahler (Barbara Romaner) stand. Zumindest versucht das Vater-Sohn-Gespann Adlon kein allzu übliches Biopic zu drehen, sondern versieht den Film mit allerlei visuellen Spielereien und einer sehr frei ausgelegten Chronologie. Doch die Bildgestaltung wirkt unglaublich billig und man ist dadurch stets daran erinnert, Schauspielern in Kostümen bei der Arbeit zuzusehen.
Ein weiterer österreichischer Beitrag und wieder mit prominenter Besetzung: „Der Fall Wilhelm Reich“ (2013) von Antonin Svoboda mit Klaus Maria Brandauer in der Titelrolle. Während Svoboda zu zaghaft und auch nicht immer nachvollziehbar inszeniert (die Chronologie wird sehr frei bearbeitet), so ist es Brandauer, der mit konzentriertem Spiel, den Film zusammenhält. Als Aufarbeitung eines interessanten aber auch kontroversen Charakters, funktioniert „Der Fall Wilhelm Reich“ aber nicht. Dafür geht Svoboda nicht weit genug, sondern begnügt sich damit, seinen gut aufspielenden Star vor die Kamera zu stellen. Widersprüche in der Biographie Reichs werden nicht einmal thematisiert.
Mit viel Kritikerhäme und einem beschämend schwachem Einspielergebnis, landete „Mortdecai“ (2015) von David Koepp in den Schlagzeilen. Die Adaption einer, offenbar in England recht populären Buchreihe, mit Johnny Depp in der Hauptrolle, ist der Versuch, einer absurden Krimi-Komödie im Stil einer 1970er-Farce. Charlie Mortdecai wird von Depp mit geradezu nervig affektiertem Gehabe gespielt und wirkt wie aus der Zeit gefallen. So langweilig die Handlung und so wenig effektiv die Gags auch sind, so bleibt das Gefühl, das Kreativteam hätte sehr wohl einen Plan gehabt. Nur ist der völlig schief gegangen und so bleibt ein Tiefpunkt in einer in den letzten Jahren nicht sonderlich inspirierenden Karriere von Johnny Depp.
Patrick Stewart trifft in einer Bar eine junge Frau und erzählt ihr eine Geschichte. In dem Kurzfilm „Epithet“ (2012), inspiriert von der Theaterproduktion „Bingo“, passiert nicht viel mehr, als dass Stewart eine junge Frau umgarnt und schlussendlich den Preis für sein Verhalten bezahlt. Für Stewart-Fans ein Muss. Ohne Kenntnis des Stücks, hängt der Film aber in der Luft.
Pablo Larraín faszinierte mit seinem Oscar-nominierten Drama „No“ und so war ich erfreut davon, endlich auch seinen international für Aufsehen sorgenden Thriller „Tony Manero“ (2008) sehen zu können. Alfredo Castro spielt mit beeindruckender Kälte, den Tänzer Raúl, der von dem John Travolta-Hit „Saturday Night Fever“ besessen ist. Diese Besessenheit will er in einem Tony Manero-Wettbewerb ummünzen und bis dahin quält er seine Umgebung und setzt Konkurrenten außer Gefecht. Larraín baut viele Anspielungen auf die chilenische Politik dieser Zeit unter Pinochet ein, doch nicht alle Verknüpfungen funktionieren für ein Publikum, welches nicht alle Hintergründe kennt. Als Geschichte eines Psychopathen vermag „Tony Manero“ zu überzeugen.
Ein Indie-Hit und Kritikerliebling war im Vorjahr der iranische Vampirfilm „A Girl Walks Home Alone at Night“ (2014) von Ana Lily Amirpour. Wobei wohl eher von einem Exil-Iranischen Film zu sprechen ist, wurde die Noir-artige Erzählung in Kalifornien gedreht. Eine durch die verlassen wirkende Stadt Bad City muslimische Frau, trifft auf einen jungen Mann, der verzweifelt versucht die Drogensucht seines Vaters zu durchbrechen. Es passiert genau genommen relativ wenig, doch wer sich der Atmosphäre die Amirpour aufbaut, hingibt, wird mit einem wunderschön stimmungsvollen Vampir-Noir belohnt.
Die dreiteilige Fernsehdokumentation „Superheroes: A Never-Ending Battle“ (2013) war nach Ansicht des neuesten „Avengers“-Abenteuers, genau der richtige Hintergrund, um sich ein wenig über die Ursprünge und die Entwicklung der Comic-Helden zu informieren. Stellenweise bleibt es bei einer nostalgisch wirkenden Feier der Kunstform Comic und nur selten werden kritische Töne laut. Doch die schiere Masse an Information, wiegt das ein wenig auf.
Was war ich gespannt, was habe ich mich gefreut: Ein neuer Michael Mann-Film. Doch dann: Flop an den Kinokassen und so blieb nur das Heimkino. „Blackhat“ (2015) mit Chris Hemsworth als Hacker, der im Dienste einer US-China-Polizeioperation einen Cybercrime-Ring aufdecken soll, leidet an einer unterentwickelt wirkenden Handlung. Während die Actionsequenzen von Mann wieder einmal großartig sind und die visuellen Effekte imponieren, scheinen die Charaktere ebenso wenig Hintergrund zu haben, wie die Handlung selbst, die sich an Schlagworten abarbeitet.
Der auf wahren Begebenheiten beruhende Thriller „The Whistleblower“ (2010) von Larysa Kondracki hat das Zeug dazu, einem die Galle übergehen zu lassen. Rachel Weisz spielt Kathryn Bolkovac, die während ihrer Tätigkeit für die UNO in Bosnien, einen Frauenhandel und Prostitutionsring aufdeckte, nur um von ihren Vorgesetzten an der Ermittlung gehindert zu werden. So seriös und nobel der Film und sein Anliegen aber auch sind, so platt wirken manche Szenen, die scheinbar nur deshalb gedreht wurden, damit Rachel Weisz Oscar-Momente voller Emotionalität zeigen kann und auch die abschließende Diskussion über den Immunitäts vs. Straffreiheits-Status der UNO wirken ein wenig zu papieren. Dennoch ist die Thematik zu wichtig, um diesen Film nicht zu empfehlen, trotz aller Mängel.
Orson Welles konnte kaum seine Projekte vollenden. So überrascht es auch nicht, dass der für das französische Fernsehen produzierte Einstünder „Histoire immortelle“ (1968) um einen reichen Händler (Welles) und dessen Wunsch eine Seefahrererzählung mit echten Menschen bei sich zu Hause nachzustellen, eigentlich als Teil einer Fernsehtrilogie gedacht war, die nie zustande kam. Welles‘ nutzt beinahe wie üblich alle möglichen inszenatorischen Mittel, um eine sehr langsam und ehrlich gesagt auch nicht sonderilch interessante Handlung in Szene zu setzen. In manchen Augenblicken wandelt er auch am Rande der Selbstparodie, wenn er den voyeuristischen Händler darstellt. Eine Kuriosität, die rein aus filmhistorischen Gründen von Interesse ist.
Mein ganz persönlicher Midnight Movie. Dank Netflix kann ich auch ohne den Kinobesuch in den Genuss stumpfer Horror- und Sci-Fi-Werke kommen. Diesmal der mit Dolph Lundgren passend besetzte Zombie-Streifen „Battle of the Damned“ (2013). In der deutschen Synchronisation bekommt Dolph Lundgren die Stimme von Bruce Willis, während die anderen Darsteller wie üblich mit billigeren Sprechen auskommen müssen, was sich auch in der Qualität niederschlägt. Die Dialoge sind natürlich dumpf und die Handlung um eine Rettungskation in einem von Zombies infizierten Gebiet, hat überraschenderweise so manch humorvollen Kniff (in Form von Robotern) zu bieten. Der Reiz von Zombies und Robotern erschöpft sich allerdings recht schnell. Ein paar amüsante Schauwerte genügen leider nicht.
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The 1001 Project
Der chinesische Filmemacher Tian Zhuangzhuang war mir bislang kein Begriff. Sein ruhiges, autobiografisch gefärbtes Melodram „Lan feng zheng“ (1993) erzählt auf einnehmende Weise, aus der Sicht des kleinen Tietou, von den großen gesellschaftlichen Umwälzungen im China der 1950er und 1960er. Ein Problem stellten gewisse ryhthmische Unstimmigkeiten dar. Etwa die zu kurz geratene letzte Episode, rund um den distanziert wirkenden Stiefvater. Vor allem in den ersten beiden Episoden (rund um den Vater und Tietous Onkel) gelingt es Zhuangzhuang die gesellschaftliche Komponente mit den persönlichen Schicksalen zu verbinden. Etwas, dass in der letzten Episode nur in den letzten Minunten funktioniert. Die kritische Aufarbeitung dieser Zeit lässt einen aber keineswegs daran zweifeln, weshalb „Lan feng zheng“ in seinem Heimatland verboten wurde.
Marcel Ophüls hat im Gegensatz zu seinem Vater in seiner Karriere mit Dokumentarfilmen die größten Erfolge gefeiert. Auch wenn „Le chagrin et la pitié“ seine berühmteste Arbeit bleibt, so hat er mit „Hotel Terminus“ (1988) einen Oscar gewonnen. Die über vier Stunden lange Aufbereitung des Lebens und „Wirkens“ von Klaus Barbie anlässlich eines Prozesses der gegen ihn in Lyon geführt wurde, fordert sehr viel von seinem Publikum. Die größte Wirkung erzielt der mit bösem Witz versehene Ophüls, wenn er mit Passanten in Deutschland konfrontiert wird, die ihn geradezu auffordern, doch diese Verbrechen, die doch schon so lange her sind, ruhen zu lassen und dass ein alter Mann wie Barbie doch seinen Frieden verdient hätte. Angesichts der Erzählungen von Holocaust-Überlebenden kocht das Blut vor Wut regelrecht auf. Doch Ophüls vermischt diese Erzählung mit so vielen weiteren Geschichten, dass man es schwer hat, dem Film zu folgen. Der für einen kurzen Moment zu sehende Claude Lanzmann verstand sich in diesem Feld etwas besser auf ausladende und doch konzentriert vorgetragene Filmessays.
Nach der erneuten Ansicht von „Citizen Kane“, stieg in mir wieder das Verlangen, die anderen noch unbekannten Werke von und mit Orson Welles zu sichten. „The Stranger“ (1946) gilt als der Film, den er selbst am wenigsten mochte. Das erscheint logisch, wenn man sich die wenig einfallsreiche Handlung um einen Nazi-Kriminellen (Welles) betrachtet, der in einer amerikanischen Kleinstadt ein anonymes Leben führt und die Tochter des Richters des Obersten Gerichtshofes (Loretta King) heiratet. Erst als ein Ermittler (Edward G. Robinson) in der Stadt auftaucht und Nachforschungen anstellt, wird klar, wer Charles Rankin wirklich ist und welches Geheimnis er verbirgt. Welles inszeniert die geradlinige Handlung sehr stimmungsvoll und mit allerlei Kameratricks. Die Licht-Schatten-Wechsel der Charaktere geben den weiteren Handlungsverlauf vor. Da verzeiht man Welles auch das recht lächerliche Finale am Glockenturm. Es zeugt von der starken führenden Hand von Regisseur Orson Welles (der auch eine sehr ansehnliche darstellerische Leistung abliefert, während Robinson überraschend blass bleibt) dass er selbst aus dieser Standard-Geschichte, etwas Besonderes kreiert, inklusive der zu diesem Zeitpunkt erstmals in einem Mainstreamfilm gezeigten Aufnahmen aus den Konzentrationslagern.

Lan feng zheng / http://image.tmdb.org/t/p/original/6cj0QRuNJs8GxYL6gcp0xQlt4SS.jpg

Re-Visited
Es ist schon einige Jahre her, seit ich das letzte Mal „American Psycho“ (2000) von Mary Harron gesehen oder den Roman Bret Easton Ellis gelesen habe. Der Roman ist beinahe zu Ende gelesen und den Film habe ich mittlerweile auch wieder gesehen. Der Vergleich macht sicher. Harron hat sich für einen satirischeren und weniger blutigen Zugang entschieden, was für den Film auch hervorragend funktioniert. Harron und ihre Co-Autorin Guinevere Turner benutzten das Buch als Arbeitsvorlage und kombinierten und vermischten Episoden zu einem eigenen Werk. Darin glänzt Christian Bale in einer Performance, die ihn bekannt machte (Batman sollte ihn berühmt machen). Die Inszenierung lässt vor allem in den ersten 30 Minuten den Szenen zu wenig Zeit und verliert somit viel an Wirkung, doch die Schlüsselmomente (vor allem der Einsatz von „Hip to be square“ und „Sussudio“ zu Mord und Folter) sind heute noch fantastisch. Trotz einiger Schwächen, immer noch ein Genuss. In unserem Dialog gehen wir dem Film sowie dem Buch noch ein wenig auf den Grund.
Der Kurzfilm „Batman: Dead End“ (2003) von Sandy Collora hat dank YouTube heute noch ein großes Publikum. Die Fanfiction ist ansehnlich gestaltet und wartet auch mit einem überraschend düsterem Ende auf. Dass die Kostüme nicht wie in einer Produktion von Christopher Nolan wirken, sei verziehen. Denn der Spaß an der Arbeit ist deutlich zu sehen.
40 Jahre nachdem „Deliverance“ (1972) erstmals auf der Leinwand zu sehen war, erschüttert die „Squeal like a pig“-Vergewaltigungsszene immer noch. Der Macho-Bootstrip von vier Freunden, ist genau genommen die intelligente Version eines Backwood-Slashers. John Boorman fing gemeinsam mit Kameramann Vilmos Zsigmond wunderschöne Naturaufnahmen ein, und zeigte dafür die Gewalt der Männer untereinander in schonungslosen und dreckigen Aufnahmen. Zwar sind einige Macho-Weisheiten (vor allem von Burt Reynolds‘ Lewis) ein wenig zu platt, aber die Intensität von „Deliverance“ ist auch heute noch deutlich spürbar.
Nachdem ich die Bühnenfassung von „Frankenstein“ gesehen hatte, war es wieder einmal an der Zeit, die beiden Filme von James Whale zu sichten. Im Rückblick bestätigt sich für mich auch das gängige Urteil, dass die Fortsetzung „The Bride of Frankenstein“ (1935) stärker ist, denn der Urpsrungsfilm „Frankenstein“ (1931). Teil 1 ist ein recht straffer Film, der teilweise davon lebt, dass Whale in aller Ruhe eine Ursprungsgeschichte erzählen kann. In Teil 2 überhöht Whale aber die schon im ersten Film zu sehenden komischen Elemente. So ist in Teil 1 „It’s alive!“ noch eine dramatische Aussage, während sie in Teil 2 zu einem herrlich komischen Irrsinns-Ausspruch verdreht wird. Boris Karloff ist natürlich in beiden Filmen grandios, auch wenn die von ihm dargestellte Kreatur wenig mit dem Roman zu tun hat.
Zum 75. Geburtstag von Al Pacino, war es wieder einmal an der Zeit sich das unterschätzte Mafia-Drama „Donnie Brasco“ (1997) von Mike Newell zu sichten. Auch war es eine Freude Johnny Depp in einem Film zu sehen, der ihn in Hochform zeigt. Pacino jedoch dominiert als geradezu tragischer Mafioso Lefty, dessen Ende durch seine Freundschaft mit dem Undercover-Agenten Joe Pistone (Depp), der sich als Donnie Brasco in die Mafia einarbeitete,besiegelt war. Newell arbeitet sich an Genre-typischen Motiven ab und erschafft einen rundum gelungenen, wenn auch nicht grandiosen Film.
Immer wieder Ed Wood. Es war ja auch schon viel zu viel Zeit vergangen, seit ich das letzte Mal „Plan 9 from Outer Space“ (1959) sah. Wie üblich: Ein Genuss.
Ebenfalls ein Film der immer wieder und wieder gesichtet werden kann, ist „Citizen Kane“ (1941) von und mit Orson Welles. Auch wenn einige Szenen mittlerweile ein wenig durch die Parodien bei „The Simpsons“ ein klein wenig überlagert werden, so funktioniert dieser bahnbrechende Film über Macht, Medien und verlorene Unschuld auch heute noch. Die inszenatorischen Tricks sind immer noch faszinierend, die Geschichte zeitlos und bis auf ein, im Laufe der Zeit, etwas verstaubtes Frauenbild, noch immer aktuell. In unserem Dialog feiern wir den 100. Geburtstag von Orson Welles und besprechen „Citizen Kane“.

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Serien-Überblick
In Staffel 4 (2015) der überaus erfolgreichen und einflussreichen Sitcom „Girls“, ist Lena Dunham auf dem Weg nach Iowa zu einem „writer’s workshop“ an der Universität. Dies ist der Ausgangspunkt für eine lange Zeit recht zerrissen wirkende Staffel, da sich der Schauplatz von New York weg verlagert und auch der in Staffel 3 so herausragende Adam Driver ein wenig in den Hintergrund rückt. Dunham ist großartig wie immer, doch die Weiterentwicklung der Charaktere gelingt nicht immer. In kleinen Vignetten werden viel zu schnelle Sprünge vollzogen, so etwa Shoshannas Suche nach einer neuen Anstellung, die sie schlussendlich auf dem Sprung anch Japan sieht. Stellenweise unterscheidet sich „Girls“ in seiner neuesten Staffel nicht viel von jeder beliebigen romantischen Komödie, doch in seinen besten Momenten ist es weiterhin eine faszinierende Serie rund um die Alltagsprobleme einer sehr illustren Gruppe von Freunden.
In Staffel 5 (2014) übernahm Scott M. Gimple die Rolle des Showrunners für „The Walking Dead“ und führte die Serie fort, wo sie in Staffel 4 angelangt war. In den Ebenen des beinahe schon still stehenden Melodrams. In der ersten Hälfte der 5. Staffel ist die Gruppe um Rick dabei, die Ereignisse von Terminus hinter sich zu lassen, während Beth in einem Hospital Zuflucht findet, wo sie allerdings eher Gefangene denn Patientin ist. Das „Halbzeit“-Finale der Staffel (mit der Ermordung Beths als „Höhepunkt“) sowie Eugenes‘ Geständnis, dass es in Washington keine Hoffnung gibt. Die Serie bekommt einen neuen Spin, als die Gruppe schließlich aufgegriffen wird und sich eine häusliche Existenz in der Alexandria Safe Zone aufbaut. Hier dürfen die Darsteller, allen voran Andrew Lincoln, Melissa McBride (die als Carol seit Staffel 3 immer mehr zu der eigentlich zentralen Figur wird) und natürlich Norman Reedus, in eine Art Post-traumatischen Stress hinein fallen. Doch zu oft steht die Serie, wie schon in Staffel 4, still und man hat das Gefühl alles bereits gesehen zu haben. Das Finale ist ein recht eigenwilliger Teaser hin zur nächsten Staffel. Das ist Fernseheunterhaltung auf hohem Niveau, aber die Intensität, sowohl im Aufbau der Szenerie, der Führung der Charaktere aber auch in Sachen Action, von Staffel 3, scheint sich nicht mehr wiederholen zu lassen.
Die 2. Staffel (2013) der bitterbösen Serie „A Young Doctor’s Notebook & Other Stories“ zeigt erneut Daniel Radcliffe als jungen Doktor in der russischen Provinz und Jon Hamm als seine ältere Version, die auf seine Jugend zurückblickt. Hamm schafft es, wie auch bei seiner Paraderolle in „Mad Men“, Wehmut und Schwere gleichzeitig mit Komik zu vermitteln. Radcliffe hat auch offensichtlich viel Spaß an der Rolle des jungen Morphiumsüchtigen Doktors. In der Fortsetzung der Geschichten nach Michail Bulgakov, gerät das Dorf in der Provinz immer mehr in die Fänge der russischen Revolution. Tragische Todesfälle und ein bittersüßes Ende für den Doktor (der junge Arzt erhält seine Versetzung/Beförderung, doch anhand seines älteren Selbst kann man seinen Abstieg sehr gut sehen) beschließen diese recht kurz gehaltene Serie. Eine Bühne sowohl für Hamm als auch für Radcliffe und zudem ein prototypisches Beispiel für den typisch schwarzen britischen Humor, auch wenn die Vorlage russischer nicht sein könnte (Obrigkeitsverehrung, russische Revolution, etc.).
Ich war äußerst skeptisch, als die Spin-off-Serie „Better Call Saul“ offizielle verkündet wurde. Der in „Breaking Bad“ ab Staffel 3 so amüsante Anwalt Saul Goodman (Bob Odenkirk). In seiner eigenen Serie beginnt die Geschichte von Saul etwa sechs Jahre vor den Ereignissen die Walter White und Saul Goodman miteinander verbinden und in Staffel 1 (2015) ist Saul auch noch Jimmy McGill. Während Odenkirk in „Breaking Bad“ zu größten Teilen ein schmieriger Kleinganove war, dem die Ereignisse über den Kopf wuchsen, erhält er von Peter Gould und Vince Gilligan eine sehr interessante Geschichte rund um seine Beziehung zu seinem Bruder Chuck (Michael McKean) und seinen Versuchen, als Anwalt zu reüssieren. Was zunächst auch als beinahe klamaukige Sitcom startet, wandert langsam immer mehr in dunklere Bereiche und gibt den Charakteren (allen voran natürlich Odenkirk und dem in seinem stoischen Modus hervorragenden Jonathan Banks als Mike) eine erhoffte aber nicht zu erwartende Tiefe. Zumindest in der 1. Staffel ist „Better Call Saul“ mit all seinen Wendungen und Enthüllungen, einer der seltenen geglückten Fälle eines Spin-offs.
Marvel erobert immer mehr auch die TV-Schirme. Wobei im Fall von „Daredevil“ (kreiert von Drew Goddard) mehr die Streaming-Welt in Aufruhr versetzt wurde. Die 1. Staffel (2015) schlug auf Netflix sofort ein, vor allem da die Qualität um ein Vielfaches höher war, denn jene des so furchtbaren Kinofilms mit Ben Affleck. Charlie Cox ist ein überzeugender junger Anwalt und Rächer, während vor allem Vincent D’Onofrio als Gegenspieler Wilson Fisk überzeugt. D’Onofrio gelingt es, seinen Bösewicht tatsächlich als einen Mann darzustellen, der Gutes tun will und dabei die moralischen Grenzen nicht mehr wahr nimmt. Erst zum Ende hin, wird er zum klassischen Bösewicht. Wie auch die Serie zu Beginn ein wenig Abseits der Superhelden-Pfade wandelt, aber dann im Grunde doch die Handlung jedes bekannten Comic-Helden nachspielt und nur wenige eigene Akzente setzt. Der Gastauftritt von Scott Glenn etwa, kann hier als Highlight gesehen werden. Hohe Produktionswerte, starkes Spiel und ansehnlich inszeniert. Eine unterhaltsame Superhelden-Serie.
Die Ankündigung einer erneuten Auflage der „X-Files“ im Rahmen einer Mini-Serie, führte natürlich zu nostalgischen Gefühlen und so wandte ich mich der 1. Staffel (1993) zu, die in Windeseile die Fernsehwelt eroberte und mich zu einem treuen Fan machte. Zumindest für ein paar Jahre. Bis heute habe ich es nicht geschafft die ganze Serie zu sehen. Der Beginn von „The X-Files“ zeigt aber, weshalb die Mysteryserie so ein Hit war. David Duchovny als idealistischer Agent Fox Mulder und Gillian Anderson als skeptische Dana Scully, ergaben ein Traumpaar, wobei Anderson zu Beginn der Serie noch mehr verschmitzten Humor zeigen durfte, denn später. Heute noch faszinieren die beiden Episoden mit dem Serienkiller Victor Tooms und sind die Verschwörungszusammenhänge mit dem am Ende der 1. Staffel ermordeten Deep Throat (Jerry Hardin) noch nicht so überbordend. Zwar sieht man die 1990er-Dramaturgie, doch mindert dies nicht den heute noch hohen Sehgenuss der ersten Episoden, in welchen die klassischen Muster der X-Files festgelegt wurden.

Better Call Saul / http://oyster.ignimgs.com/wordpress/stg.ign.com/2015/02/Saul-2.jpg

Das monatliche Update bietet einen knappen Überblick über alle Filme, die ich im Laufe eines Monats gesichtet habe. Darunter fallen Werke aus den hier publizierten Listen sowie Kino-Neustarts und Filme die ich nach längerer Zeit wieder einmal sichte. Im Update werden diese in verschiedene Kategorien unterteilt.

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