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Der Februar endet mit der Oscar-Verleihung, aber im Gegensatz zu vorhergehenden Jahren, hatte ich diesmal kaum Gelegenheit, mir alle Nominierten anzusehen. Dennoch gab es einige Kino-Erlebnisse, wie etwa Quentin Tarantinos 70mm-Show „The Hateful Eight“ oder auch das neueste Opus der Coen-Brüder. Das nostalgische Highlight des Monats war aber das 6-Episoden-Event der „X-Files“.

Neuzugänge
Der 8. Film von Quentin Tarantino wirkt ein wenig, wie eine Wiederholung seines Kassenhits „Django Unchained“. Doch bei genauerem Hinsehen, ist „The Hateful Eight“ (2015) eher eine Mischung aus „Reservoir Dogs“ und den Rachefantasien der vergangenen Werke. Das imposante Ensemble – angeführt von einem unwiderstehlichen Samuel L. Jackson – hat sichtlich Freude daran, die Dialoge von Tarantino durchzuarbeiten. Die größten Pluspunkte sind aber weniger die Dialoge oder das Szenario (welches eher an ein Theaterstück erinnert), sondern die Kameraarbeit von Rohert Richardson und der Score von Ennio Morricone. Die 70mm-Fassung ist an sich ein Erlebnis, und entschädigt für einen wenig komplexen Film, in dem Jennifer Jason Leigh die Rolle der stets geprügelten Gefangenen mit Würde, Wut und Witz ausfüllt.
Die von Sarah Gavron inszenierte Dramatisierung der Suffragetten-Bewegung, hat alle Merkmale einer Prestige-Produktion. Carey Mulligan ist Wäscherin Maud Watts der zentrale Anziehungspunkt für die Erzählung. Ihr langsames Erwachen, was die Rechte der Frauen angeht, wird unaufgeregt und gerade deshalb sehr eindringlich geschildert. Ihr Einsatz für das Wahlrecht der Frauen in Großbritannien, führt zu privaten Verlusten, und führt sie regelrecht in die Radikalisierung. Ein Cameo-Auftritt von Meryl Streep und so manch papierener Dialog lassen „Suffragette“ (2015) im Endeffekt doch wieder zu einem Prestigefilm werden. Doch diese Aspekte beiseite geschoben, ist Gavron ein eindringlicher und immer noch thematisch wichtiger Film mit UK-Starbesetzung gelungen.
Ein Film der Coen-Brüder ist immer ein Ereignis, und mit „Hail, Caesar!“ liefern sie eine wunderbar nostalgische und zugleich auch liebevoll-dekonstruktive Hommage an das Goldene Hollywood der 1950er-Jahre. Josh Brolin brilliert als Studio-Fixer Eddie Mannix, während rund um ihn herum alle möglichen Studioproduktionen zu arrangieren sind. Mit einem Star-Ensemble setzen die Coen den Sandalenfilm, die Tanz-Revue (herrlich mit seinen homo-erotischen Untertönen) oder auch den Western in Szene. Die Handlung um einen Schauspieler (George Clooney), der von Kommunisten entführt wird, ist genauso Staffage wie einst der Plot von „The Big Lebowski“. Die Coens arbeiten sich am Studiosystem und ihren Klischees ab. Dass sie dabei zuweilen ein wenig zu sanftmütig sind, lässt „Hail, Caesar!“ zwar vom Thron der besten Coen-Filme fernbleiben, ist aber eine sehr unterhaltsame und voller Anspielungen für spätere Filmabende versteckte Komödie geworden, in der Alden Ehrenreich als tumber Western-Star mit detektivischem Gespür den größten Eindruck hinterlassen konnte. In unserem Dialog blicken wir ein wenig genauer auf den neusten Coen-Streich.
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Charlie Kaufman ist einer der interessantesten Filmemacher, die man im zeitgenössischen amerikanischen Film finden kann. Gemeinsam mit Duke Johnson, adaptierte er sein Theaterstück „Anomalisa“ (2015) in einen Puppen-Animationsfilm über Einsamkeit, Leidenschaft und Leidenschaft. David Thewlis spricht den Autor von Selbsthilfe-Ratgebern Michael Stone, der sich in einem anonymen Hotel wieder findet und rund um ihn herum, jeden Menschen als gleichlautend erfährt (Tom Noonan spricht alle anderen Charaktere), bis er auf Lisa (Jennifer Jason Leigh) trifft und in ihr plötzlich wieder etwas findet, wonach er gesucht hat. Glaubt er zumindest. „Anomalisa“ ist ein schön gemachter, melancholischer Film, in dem vor allem mit den Erwartungen an unser Leben und unsere Liebesbeziehungen gearbeitet wird.
Herbert Veselys „Egon Schiele – Exzess und Bestrafung“ (1981) war einst Österreichs Beitrag zu den Oscars. Der krampfhaft gekünstelte Reigen an Szenen aus dem Leben Schieles (Matthieu Carrière) erzählt so gut wie Nichts, was man über Schiele nicht bereits wusste und erscheint in jeder Minute sich derart angestrengt nach höheren künstlerischen Weihen zu strecken, dass dabei jede Freude am Geschehen und der Kunst stecken bleibt.
Lange habe ich einen großen Bogen um den Kriegsfilm „Pearl Harbor“ (2001) gemacht. Nach Ansicht des dreistündigen Action-Melodrams weiß ich auch warum. Michael Bay präsentiert den Angriff als Slow-Motion-Bilderparade, in der Ben Affleck und Josh Hartnett als Fliegerkumpel schlussendlich um das Herz derselben Frau (Kate Beckinsale) kämpfen. Furchtbare Dialoge, die auch noch schlecht vorgetragen werden, kombiniert mit merkwürdigen inszenatorischen Entscheidungen Bays (wie etwa dem sinnlos eingesetztem Weichzeichner in den Krankenhausszenen) sorgen für Langeweile und unfreiwillige Komik. Dass dabei der Angriff der Japaner auf Pearl Harbor Actiontechnisch beeindruckt, gerät zur Nebensache.
Es war an der Zeit einige noch nicht bekannte Arbeiten von David Lynch nachzuholen. Zunächst die für das Web konzipierte „Sitcom“ mit Menschen in Hasenkostümen: „Rabbits“ (2002). In „Inland Empire“ waren Ausschnitte daraus bereits zu sehen, doch die gesamten 45 Minuten sind ein sehr eigenwilliges Erlebnis. Die typische Lynch-Mystik mit dem unpassenden Laugh-Track verbunden, sorgt für eine geheimnisvolle und doch auch komische Atmosphäre. In „Lady Blue Shanghai“ (2010) – ein aufgeblasener Werbespot für Dior – schickt er Marion Cotillard in Laura Dern-Modus durch ein Hotel. Am Ende steht die Präsentation einer Handtasche, was den ganzen Kurzfilm nicht gerade spannender macht.
Nachdem ich bereits zwei Filme von Ida Lupino gesehen habe, war es Zeit, ihren Film Noir „The Hitch-Hiker“ (1953) zu sichten. Basierend auf einem wahren Fall, zeigt Lupino einen Autostopper, der wahllos Menschen tötet und schließlich zwei Freunde, auf dem Heimweg von einem Angelausflug, als Geiseln nimmt und quer durch die USA hetzt. Die Ankündigung, sie am Ende der Irrfahrt zu töten, sorgt für eine angespannte Stimmung. Lupino zeigt in knapp 80 Minuten, die flirrende Hitze der Wüstensonne und die klaustrophobische Enge des Wagens, womit sie sich von klassischeren Film Noir abhob. Ein interessanter und spannender Film aus diesem Genre.
Peter Payers „Die Nichte und der Tod“ (1999) atmet den Geist der Schwarz-Blauen Regierung, und das obwohl die Koalition erst ein Jahr nach dem Film zustande kam. Dennoch sind die Zeichen überdeutlich. Tobias Moretti als US-Journalist mit österreichischen Wurzeln, der dem Rechtsradikalismus in den Wiener Kreisen nachspürt, ist ein deutliches Zeichen gegen den Rechtsruck. Doch Payer vermag es nicht, diese gesellschaftliche Botschaft mit einer spannenden Geschichte zu verbinden.
In „Der Täter“ (2010) von Michael Kreishl darf Erwin Steinhauer als Gentleman-Gangster glänzen, doch die Handlung ist wenig einnehmend. Abgesehen von den Klischees rund um alte Gangster und ihre letzten Beutezüge, vermag der Fernsehfilm nicht zu interessieren.
Julie Taymor hatte bereits mit „Titus“ ein weniger bekanntes Stück von William Shakespeare in opulenter Form und mit Starbesetzung adaptiert. Ihre Version von „The Tempest“ (2010) sticht vor allem durch den Wechsel der Geschlechter hervor. So wird bei ihr aus Prospero die Magierin Prospera (Hellen Mirren). Ansonsten kann sie dem Text vor allem schöne Bilder abtrotzen, doch schwebt der Text ohne jede Bindung zum Geschehen in der Luft. Für Kenner Shakespeares, eine interessante Adaption, aber für jene, die den Text nicht so genau kennen, stellenweise frustrierend.
Puccinis „La Bohème“ ist eine der bekanntesten Opern der Welt und das Duo Rolando Villazon und Anna Netrebko ist geradezu prädestiniert um das tragische Liebespaar zu spielen. In Robert Dornhelms verfilmter Oper (2008), dominieren die Arien und die sehr nach einer starren Bühne wirkender Inszenierung. Große Gefühle, große Gesten und wenig Subtilität. Eingefangen von der Kamera, wirkt dies eher befremdlich. Auf der Opernbühne grandios, wirkt dies auf Film gebannt ein wenig albern.
Arte sei Dank, kam ich in den Genuss einer ganzen Reihe an Kurzfilmen von und mit Buster Keaton. Es handelte sich dabei um Filme die zwischen 1920 und 1922 entstanden und die Keaton gemeinsam mit Edward F. Cline beziehungsweise Malcolm St. Clair schrieb und inszenierte. Beinahe jeder dieser Filme konnte durch seine innovativen Stunts und den Einsatz eines interessanten Sets überzeugen. Einzig „The Haunted House“ und „The Paleface“ konnten mich weniger überzeugen. Hingegen waren „One Week“, in welchem Keaton mit seiner Ehefrau ein Haus baut, und „The Play House“, in dem er die Handlung in geradezu surreale Höhen treibt, Highlights in seinem Werk. Dagegen konnten mich seine gemeinsamen Arbeiten mit Roscoe „Fatty“ Arbuckle weniger begeistern. Die gesamte Aufzählung findet sich in der unendlichen Liste.
Das Highlight des Road-Movies „The End of the Tour“ (2015) von James Ponsoldt ist das Schauspiel-Duell zwischen Jesse Eisenberg, als Journalist und Möchtegern-Autor und Jason Segel als dessen Interviewpartner David Foster Wallace. Während Ponsoldt die Geschichte dieser Begegnung sehr konservativ erzählt, sind es Eisenberg und Segel, die den Zuseher in die Geschichte ziehen und dafür sorgen, dass man sich nicht mehr losreissen möchte.
Alejandro Amenábar ist einer der populärsten spanischen Filmemacher seiner Generation, umso enttäuschter war ich von seinem neuesten Film. Der Mystery-Thriller „Regression“ (2015) ist mit Emma Watson als Opfer einer satanischen Sekte und Ethan Hawke als Detective prominent besetzt, kann aber über das Niveau einer schwachen „The X-Files“-Episode nicht hinaus kommen.
Der von der Web-Plattform produzierte 50-minütige Film „Donald Trump’s The Art of the Deal: The Movie“ (2016) ist ein perfektes Beispiel für einen Gag, der ein wenig zu lange andauert. Johnny Depp ist perfekt besetzt als der Egomane Trump und liefert eine der Form hervorragend entsprechende Darbietung, doch hätte dies in einem 10- oder 15-Minuten-Rahmen besser funktioniert.
Drei deutsche Unternehmensberater sitzen im Hotel, während auf den Straßen die Welt untergeht. So ähnlich könnte man die beißende Satire „Zeit der Kannibalen“ (2014) von Johannes Naber zusammenfassen. So ganz entkommt die betont künstliche Hotelwelt, in der man nie sagen kann, in welchem Land man sich befindet, allerdings nicht den Klischees der Kapitalisten-Satire. Nichtsdestotrotz ein feiner Beitrag des deutschen Kinos und mit einem Ende ohne Kompromisse.
Der österreichische Filmemacher Thomas Roth kreiert seit Jahrzehnten Genre-Arbeiten, die aber leider auf wenig Gegenliebe bei Kritikern und Publikum stoßen. Erst jetzt kam ich dazu, mir seinen Film „Brand“ (2011) anzusehen und es ist schade, dass diesem Werk nicht mehr Erfolg gegönnt war. Johannes Bierbichler ist als Autor Brand damit beschäftigt, seine verloren gegangene Kreativität und Lebenswillen wiederzufinden. Während seine Frau wegen Krebs im Krankenhaus behandelt wird, beginnt er eine Affäre mit der Krankenschwester. Dass deren Ehemann dies nicht auf sich sitzen lassen will, führt zu einem klassischen Film Noir-Plot, den Roth ohne falsche Ironie gekonnt umsetzt.
„Bad Fucking“ (2013), basierend auf einem Roman von Kurt Palm, war hingegen ein moderater Erfolg. Die Adaption von Harald Sicheritz ist grobschlächtig und nur selten wirklich lustig, aber zumindest zieht Sicheritz seinen Stil durch, auch wenn die Handlung um das kleingeistige Dorf nie die satirische Schärfe entwickelt, die sie gerne hätte.
Die äußerst unterhaltsame und in leichtem Tonfall präsentierte Dokumentation „Meet the Patels“ (2015) zeigt die Geschwister Ravi (vor der Kamera) und Geeta (hinter der Kamera) Patel, auf der Suche nach einer Partnerin bzw. einem Partner. Was die Sache schwierig gestaltet, ist der Einfluss der Familie und das kulturelle Regelwerk indischer Lebensformen. Ohne erdrückende Vorurteile, sondern mit einem sehr sensiblen Blick auf die Dynamiken, Vor- und Nachteile dieses Familienlebens und der arrangierten Ehe, zeigt sich der Weg Ravis, auf der Suche nach wahrer Liebe, während Schwester Geeta meist beobachtet, aber hin und wieder auch ihre Frustration äußert.
Die Netflix-Dokumentation „What Happened, Miss Simone?“ (2015) ist eine von zwei für den Oscar nominierte Dokus, die der Streaming-Dienst produzierte. Das Leben von Nina Simone wird, auch dank der Unterstützung ihrer Tochter und des Zuganges zu persönlichen Archiven, mit viel Liebe zum Detail erzählt. Dabei spart Regisseurin Liz Garbus nicht die unangenehmen Details ihrer Ehe aus. Doch während die Musik und ihr Karriereeinstieg beinahe Pflichtschuldig abgehandelt werden, sind es vor allem ihr politisches Engagement und die Rassendiskriminierung, die das Bild von Nina Simone in der Dokumentation prägen. Dadurch bleibt die Musikerin ein wenig hintangestellt. Hierzu besprachen wir uns ein wenig in einem Dialog.
Yorgos Lanthimos hat sich in wenigen Jahren als einer der wichtigsten Arthouse-Filmemacher Europas etabliert. Sein Englischsprachiges Debüt „The Lobster“ (2015) ist deshalb auch wenig überraschend geradezu eine Bestätigung für seine Könnerschaft. In einer nicht so fernen Zukunft, in der Liebe gesetzlich verordnet wird, oder man endet nach einer gewissen Dauer, in der man in einem Hotel einen Partner suchen konnte, als Tier seiner Wahl. David (Colin Farrell) wäre gern ein Hummer, und schon dadurch hebt er sich von der Masse der Menschen ab, die zumeist ein Hund sein wollen. Eben solch einen Hund nimmt David mit ins Hotel, denn es handelt sich um seinen Bruder. Lanthimos lässt Dialoge von Beckett’scher Qualität in das absurd-geniale Szenario einweben und wenn David schließlich in den Wald zu den „Lonern“ flüchtet und dort auf seine wahre Liebe (Rachel Weisz als „Kurzsichtige Frau) trifft, dann ist das nicht minder gefährlich, denn als Single im Hotel zu sein. Ein fantastischer Film, der sich ein größeres Publikum verdient hätte.
Der Kurzfilm „Necktie“ (2013) entstand in der Reihe „Venezia 70 Future Reloaded“. Lanthimos lässt ein Duell zwischen jungen Mädchen austragen. Ein prägnanter 2-Minüter, mit toll arrangiertem Sound.
Rund 15 Minuten dauert die Kurzfilm-Elegie „Ellis“ (2015) von JR nach einem Drehbuch von Eric Roth. Robert De Niro führt als einsamer Besucher auf Ellis Island durch eine Biografie eines Einwandererkindes, welches sich vor der Abschiebung rettete und ein Leben in New York begann. Dabei werden durch im Gebäude angebrachte Fotografien die alten leeren Räume und Erlebnisse zum Leben erweckt. Ein etwas zu sentimentaler aber äußerst stimmungsvoller Film.
Danis Tanovic erlangte Weltruhm als er mit seinem Kriegsfilm „No Mans Land“ den Oscar für den besten fremdsprachigen Film der allseits beliebten „Amélie“ wegschnappte. Seitdem ist Tanovic vor allem auf der Berlinale ein Stammgast und dort wurde auch sein Werk „Episode u zivotu beraca zeljeza“ (2013) ausgezeichnet. Tanovic erzählt die Geschichte eines Schrottsammlers und seiner Frau, die sich mehr schlecht denn recht über Wasser halten. Als eine Fehlgeburt das Leben seiner Frau Senada bedroht, setzt Nazif alles in Bewegung, damit sie operiert werden kann. Tanovic inszeniert das Geschehen wie eine Dokumentation, doch ist es die Dramatisierung eines echten Falles mit den wahren Personen. Das führt auch zu teilweise recht holprigen Darbietungen. Rein als Dokumentation hätte mir Tanovics ansonsten sehr interessanter Film, wohl besser gefallen.
Fritz Langs „Der müde Tod“ (1921) zeigt in „sechs Versen“ wie ein junges Paar (Lil Dagover und Walter Janssen) durch die Begegnung mit einem geheimnisvollen Fremden (Bernhard Goetzke) auf die Probe gestellt werden. Die junge Frau versucht ihren mann vom Tod zurückzufordern. Das führt zu stilistisch sehr unterschiedlichen Episoden, die sowohl in Form als auch Inhalt von variabler Qualität und Unterhaltungswert sind. Die technische Meisterschaft Langs lässt einen aber über viele weniger gelungene Momente hinwegsehen.
Sidney Lumets „The Pawnbroker“ (1964) war für seine Zeit sicher ein zutiefst schmerzhafter und wohl auch mutiger Film. Rod Steiger brilliert als jüdischer Pfandleiher, der den Horror des Holocaust noch immer in sich trägt. Gangrivalitäten und private Probleme quälen ihn, doch vor allem ist es die unaufbearbeitete Vergangenheit, die ihn den Glauben an die Menschheit verloren ließ. Heute wirkt das nicht mehr ganz so beeindruckend, doch Lumets konzentrierte Inszenierung und Steigers kraftvolles Spiel, machen „The Pawnbroker“ immer noch zu einem starken Film.
The Lobster / http://www.telegraph.co.uk/content/dam/film/Cannes-Festival/lobster2-xlarge.jpg

The 1001 Project
Terry Zwigoffs sympathisches Porträt „Crumb“ (1994) gehört aufgrund seiner Ehrlichkeit und Geradlinigkeit, zu den besten Dokumentarfilmen. Die Familie rund um Underground-Comic-Star Robert Crumb ist ein kreativer aber auch völlig wirrer Haufen, deren Leben in unsteten Bahnen verlaufen. Zwigoff zeigt mit viel Mitgefühl die Lebensentwürfe von Robert Crumb und seinen Brüdern. Darüber hinaus zeigt er auch Crumbs Arbeiten und die vielen Kritikpunkte die bis heute daran haften.

Crumb / http://www.jonathanrosenbaum.net/wp-content/uploads/2009/12/crumb.jpg

Re-Visited
25 Jahre ist „Point Break“ (1991) mittlerweile alt und hat einen für mich etwas überraschenden Kultstatus erlangt. Bigelows interessanter Actionfilm, der stellenweise an Michael-Mann-Filme erinnert, weiß durch manch tolle Sequenz zu fesseln (die Verfolgungsjagd zu Fuß oder auch die Fallschirmsprung-Szene), aber das eintönige Spiel von Keanu Reeves als Undercover-Polizist Johnny Utah, der sich in die Surferszene rund um den charismatischen Bodhi (Patrick Swayze) einschleicht, und der Actionstandardplot, konnten mich auch Jahre nach der Erstsichtung nicht völlig überzeugen. Dazu gab es auch einen Dialog.
Ein neuer Tarantino im Kino, ist eine gute Ausrede um sich einen alten Tarantino wieder anzusehen. Sowohl „Kill Bill: Vol. 1“ (2003) als auch „Kill Bill: Vol. 2“ (2004) können auch nach so vielen Jahren weiter überzeugen. Vor allem der stilistisch hoch interessante erste Teil profitiert von einem wilden Mix aus Kung-Fu-, Samurai- und Westerngenre. Die Kämpfe gegen die Crazy 88 und O-Ren Ishii (Lucy Liu) zeigen die Braut (Uma Thurman) in Hochform. Im 2. Teil geht es mehr in Richtung Italo-Western und die Braut erhält mehr Hintergrund, was aber nicht unbedingt mehr Komplexität verspricht. Dafür bekommt man endlich Bill (David Carradine) zu sehen, was für sehr viel bösen Humor sorgt. Ein stilistisch fantastischer, inhaltlich banales Filmdoppel.
Basierend auf einer wahren Geschichte, zeigt Juan Antonio Bayona in „Lo imposible“ (2012) ein vermögendes Ehepaar (Ewan McGregor und Naomi Watts) beim Urlaub in Thailand, als der Tsunami für eine Katastrophe unbeschreiblichen Ausmaßes sorgt. Aufgehängt an diesem Einzelschicksal, versucht Bayona die Tragödie dem Publikum näher zu bringen. Vor allem Naomi Watts gelingt es dabei, eine beeindruckende Performance hinzulegen, doch Bayonas leicht manipulative Inszenierung (das Suchspiel im Krankenhaus ist eher ärgerlich denn spannend und bewegend) mindert den gewünschten Effekt.
Es ist wirklich kaum zu verstehen, weshalb „The General“ (1926) damals kein Erfolg war. Buster Keatons Meisterwerk ist heute zurecht einer der meist geschätzten Filme der Stummfilmzeit, doch bei Ansicht des Südstaaten-Dramas wird mir einfach nicht klar, wie Keatons Großproduktion derart floppen konnte, dass seine Karriere danach nur noch als nachhallendes Echo existiert.
Die Mini-Serie „The Kennedys“ erinnerte mich wieder einmal an den Polit-Thriller „Thirteen Days“ (2000) von Roger Donaldson. Zwar ist der überwiegend positive Eindruck geblieben, doch erscheint mir heute die im Zentrum stehende Figur des politischen Beraters Kenny O’Donnell (Kevin Costner), ein wenig unnötig und auch den Fokus zu sehr auf sich ziehend. Bruce Greenwood und Steven Culp als John F. und Robert Kennedy brillieren, und auch Donaldsons starke Regie macht aus der Kubakrise einen spannenden Thriller. Der Einsatz von Found-Footage-Material und die nicht immer geglückte Vermenschlichung der politischen Verhandlungen, schmälern ein wenig den Gesamteindruck.
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Serien-Überblick
Die von David Lynch und Monty Montgomery kreierte Mini-Serie „Hotel Room“ (1993) zeigt in drei Episoden, drei verschiedene Geschichten, die sich alle im selben Hotel zutragen. Episode 1 und 3 wurden von Lynch inszeniert und Barry Gifford geschrieben. Diese sind auch von einer eigentümlichen Faszination. Prominent besetzt (Griffin Dunn, Deborah Unger, Crispin Glover, Alicia Witt, Harry Dean Stanton uvm.) und straff inszeniert, ist „Hotel Room“ ein eigenwilliges Fernsehexperiment, welches nicht ganz aufging. Als Kuriosum im Oeuvre von Lynch aber ein interessanter Markstein.
Die britische Serie „Ripper Street“ folgt Detective Inspector Reed (Matthew Macfayden), der in Whitechapel seinen Dienst versieht. Noch unter dem Eindruck der Ripper-Morde, ist die ganze Stadt in heller Aufregung. In Staffel 1 (2012) wechseln auch die Episoden ein wenig zwischen Darstellung gesellschaftlicher Zusammenhänge, für die eine Mordermittlung als Aufhänger dient, und der Suche nach einem Mörder, hinter dem man den Ripper vermuten könnte, was sich am Ende aber doch anders darstellt. Macfayden ist großartig als von persönlichem Verlust gezeichneter Detective, und Jerome Flynn als Sergeant Drake ist ein toller Partner. Eine gut gemachte, unterhaltsame Thrillerserie.
Die 2. Staffel (2013) weiß die Qualität zu steigern, indem sie mit Det. Inspector Shine (Joseph Mawle) einen hervorragenden Bösewicht einsetzt, der über die ganze Staffel hinweg, seinen Schatten über das Geschehen in Whitechapel legt. Zudem erhalten sowohl Sergeant Drake und der Amerikaner Jackson (Adam Rothenberg) wie auch seine Frau Susan (MyAnna Buring) detaillierte Hintergrundgeschichten und entwickeln sich. Es mag nicht für Kritikerpreise reichen, doch es ist mehr als solide und unterhaltsame Unterhaltung.
Die isländische Mini-Serie „Hamarinn“ (2009) zeigt in vier Episoden die Ermittlungen zum Mord an einem Bankier. Der impulsive Polizist Helgi (Björn Hlynur Haraldsson) arbeitet sich durch die Bikerszene Islands, die sich in Drogenschmuggel und Mord verdingen. Der mit schönen Landschaftsaufnahmen aufgefettete Skandinavien-Krimi, plätschert bis zur letzten Episode wenig aufregend dahin. Einzig Haraldsson kann ein wenig Aufmerksamkeit auf sich ziehen, während die Ermittlungen vorhersehbar verlaufen.
Die auf sechs Episoden ausgelegte Mini-Serie „Wolf Hall“ (2015) ist exakt jene Version der Anne Boleyn-Geschichte, die Peter Morgan und Justin Chadwick wohl einst bei „The Other Boleyn Girl“ vorschwebte. Doch bei „Wolf Hall“ stehen weder Anne Boleyn noch König Henry VIII. (ein hervorragender Damian Lewis) im Mittelpunkt, sondern sein Berater Thomas Cromwell (noch kühler und komplexer als in „Bridge of Spies“: Mark Rylance). Die sechs Episoden folgen Cromwell während der letzten Jahre von Thomas Wolsey (verschmitzt: Jonathan Price) und wie er schließlich die Abspaltung Englands von Rom vollbringt. Famose Sets, hervorragende Darsteller, aber ein viel zu betuliches Erzähltempo, was die Effektivität der Mini-Serie ein wenig mindert. Vor allem aber ein Fest für Mark Rylance, der seine Version des Thomas Cromwell nicht als Machtlüsternen Intriganten, sondern als von vielen privaten und beruflichen Konflikten getriebener Pragmatiker darstellt.
Die kanadisch-amerikanische Mini-Serie „The Kennedys“ (2011) sorgte im US-Fernsehen für einen kleinen Skandal, als sie am Tag der Ausstrahlung aus dem Programm gestrichen wurde. Mittlerweile hat sich der Staub gelegt und man kann ohne viel Drama die acht Episoden lange Aufbereitung der Kennedy-Saga sehen. Die gute Besetzung (Greg Kinnear als John F., Barry Pepper als Bobby, Katie Holmes als Jackie und Tom Wilkinson als Oberhaupt Joe) überspielt viele Schwächen, der äußerst konservativ inszenierten Serie. Die Musikgestaltung erinnert eher an einen Bildungsfilm für Schulkinder und die historischen Marksteine werden wie in einer Clipshow herunter gerattert. Dass unter diesen Umständen doch Interesse erhalten bleibt, liegt vor allem an den Darstellern.
Die britische Mini-Serie „War and Peace“ (2016) versucht in sechs Teilen dem Mammut-Roman von Leo Tolstoi zu Leibe zu rücken. Unter der kompetenten Regie von Tom Harper, darf ein britisches All-Star-Ensemble (Stephen Rea, Jim Broadbent, Brian Cox) unterstützt von amerikanischen Edelmimen (Paul Dano, Gillian Anderson) das Russland zur Zeit der Napoleonischen Kriege wieder auferstehen lassen. Es fehlt den sechs Episoden ein wenig an zeitgenössischer Finesse. Viel zu oft wirkt alles wie eine luxuriös ausgestattete Bühne und weniger wie ein echter Raum. Gelungen sind hingegen die Schlachtszenen, bei denen auch nicht vor der Grausamkeit des Krieges zurückgeschreckt wird. Die Romanzen, Intrigen und Affären bleiben hingegen ein wenig oberflächlich, auch wenn Harper das Geschehen aufreizend in Szene setzt. Absolutes Highlight ist jedoch Paul Dano, der den jungen Pierre Bezukhov in all seinen Facetten fantastisch vermittelt.
Nostalgie kann etwas sehr Schönes sein. Die 10. Staffel (2016) von „The X-Files“, Jahre nachdem die Serie offiziell beendet wurde, ist ein Crash-Kurs in Akte X-Mythologie. David Duchovny und Gillian Anderson fühlen sich sichtlich wohl, ihre alten und ikonenhaften Charaktere neu zu beleben. In sechs Episoden gibt es Alien-Mythologie, eine Monster der Woche-Episode und auch die Einführung eines „jungen“ Ermittlerteams namens Miller (Robbie Amell) und Einstein (Lauren Ambrose), die wie eine verjüngte Version von Mulder und Scully wirken. Die Nostalgie trägt die sechs Episoden aber nicht vollständig. Zu viel Ballast aus neun Staffeln und zwei Kinofilmen muss mitgeschleppt werden, und so viel Spaß das Geschehen auch macht, so hat man immer auch das Gefühl, dass sich alle Beteiligten eine Spur zu sehr bewusst sind, hier eine nostalgisch angehauchte Reunion-Party zu schmeißen.
Wolf Hall / http://i.telegraph.co.uk/multimedia/archive/03172/Wolf-Hall_3172799c.jpg

Das monatliche Update bietet einen knappen Überblick über alle Filme, die ich im Laufe eines Monats gesichtet habe. Darunter fallen Werke aus den hier publizierten Listen sowie Kino-Neustarts und Filme die ich nach längerer Zeit wieder einmal sichte. Im Update werden diese in verschiedene Kategorien unterteilt.

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