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Nur ein einziges Mal kam ich im Mai ins Kino. Der neueste „Alien“-Film von Ridley Scott stand am Programm. Dafür hat mein neuer Mubi-Zugang mir viele überraschende Entdeckungen beschert und auch am Seriensektor gab es die eine oder andere Überraschung zu bestaunen.

Neuzugänge
Nach „Prometheus“ war ich ehrlich gesagt skeptisch, ob die geplante „Alien“-Prequel-Trilogie wirklich vollendet werden würde, doch Ridley Scott macht keine halben Sachen. Mit „Alien: Covenant“ setzt er zehn Jahre nach den Ereignissen von „Prometheus“ an und lässt das Kolonisierungsschiff Covenant in einen Neutronensturm fliegen, um durch weitere Verknüpfungen schließlich auf dem Planeten zu landen, der nicht nur als Ausgangspunkt für die Entwicklung der Menschheit, sondern schließlich auch für die Entwicklung der Alien-Kreatur gilt. Darin liegt ein großes Problem, eines ansonsten recht unterhaltsamen Sci-Fi-Horrorfilms. Die Verbindungen zu „Alien“ sind bestenfalls vage und vor allem unnötig. Eher funktioniert „Alien: Covenant“ als Verbindung zu „Blade Runner“, wie dieser interessante Artikel es beschreibt.

Die Semi-Dokumentation „Casting JonBenet“ (2017) von Kitty Green, untersucht den mysteriösen Mord an der 6 Jahre alten JonBenet – inklusive aller Verschwörungstheorien und Merkwürdigkeiten die der Fall mit sich brachte – anhand eines Castings zu einem Film über JonBenet. Die Laiendarsteller ergehen sich rasend schnell in eigenen Theorien und Green lässt somit vor allem den Einfluss des Kriminalfalls auf die Gemeinde vor den Zusehern sich entblättern. Innovativ, wenngleich nicht immer klar erscheint, weshalb gerade dieser Fall so viel Popularität erlangte.
Mubi.com hat sich einen Philippe Garrel-Schwerpunkt verpasst, und so kommt es, dass ich viele Werke des profilierten Franzosen erstmals zu sehen bekomme. Sein avantgardistischer Einstündet „Le Révélateur“ (1968) zeigt aus Sicht eines Kindes, wie die Eltern sich durchs Leben kämpfen. Völlig ohne Dialog lässt Garrel die Bilder sprechen. In seiner Jesus-Geschichte „Le lit de la vierge“ (1969) bleibt er seinem Stil treu, doch kann sein innovativ wirkender Stil nicht genügend Interesse für die Adaption der Bibelgeschichte erwecken und bleiben auch die 68er-Verknüpfungen recht oberflächlich.
Als der australische Film „Lion“ (2016) von Garth Davis mehrere Oscar-Nominierungen erhielt, kam die Geschichte eines indischen Adoptivkindes, welches auf der Suche nach seiner Familie ist, erstmals in mein Blickfeld. Dev Patel brilliert in der Hauptrolle und Davis inszeniert die Geschichte des kleinen Saroo, der auf einem Zug und tausende Kilometer entfernt von seinem Heimatort landet – nur um schließlich von einem australischen Paar (Nicole Kidman, David Wenham) adoptiert zu werden – sensibel, aber nichts bleibt wirklich hängen. „Lion“ wirkt, abgesehen von Patels Darbietung, ein wenig wie ein engagierter Fernsehfilm.
„Maesta, la passion du Christ“ (2015) von Andy Guérif, erweckte Erinnerungen an Gustav Deutsch „Shirley: Visions of Reality“, im guten wie im schlechten Sinn. Guérif erweckt ein sakrales Tableau zum Leben, mit faszinierender Schnitttechnik, doch erzählt er im strengen Sinn keine Geschichte, sondern versucht die Geschichten des Bildes zu zeigen.
Das Punk-Musical „Pusong Wazak: Isa Na Namang Kwento Ng Pag-ibig Sa Pagitan Ng Kriminal At Puta“ (2014) des philippinischen Regisseurs Khavn, ist ein zunächst interessantes Stilexperiment, mit minimaler Figurenzeichnung und Handlung. Da sich diese – ein Killer verliebt sich in die Geliebte des Bosses und nimmt mit ihr Reißaus – ohne Dialog entwickelt, verliert sich schnell in scheinbar zusammenhanglosen Szenen. Zumindest gibt es Musik von Stereo Total zu hören.
Die von Netflix produzierte Krimikomödie „Small Crimes“ (2017) unter der Regie von E.L. Katz, der das Drehbuch gemeinsam mit Macon Blair verfasst hat, erzählt die x-fach erzählte Geschichte eines gefallenen Helden, der beim Versuch sein Leben zu ordnen, scheitert. Diesmal geht es um einen korrupten Ex-Polizisten (Nikolaj Coster-Waldau), der nach seiner Haftentlassung mit seinem alten Leben und der Verbitterung seiner Familie und einstigen Freunde konfrontiert wird. Stellenweise unterhaltsam lakonisch, aber einfach zu vorhersehbar.
Heino Ferch als Fritz Lang, der bei der Recherche für seinen neuesten Film in den Fall des Vampirs von Düsseldorf hineingezogen wird. Gordian Maugg erzählt seinen „Fritz Lang“ (2016) mit sehr viel Stilbewusstsein, aber die an den Haaren herbei gezogene Handlung leidet unter einem langatmigen Erzähltempo.
Unter der Regie von TV-Routinier Michael Riebl versucht die etwas zu klamaukig geratene Komödie „Planet Ottakring“ (2015) Wiener Klischees durch den Kakao zu ziehen. Im Stil einer Gangsterkomödie gelingt dies auch ganz gut, doch sobald Kapitalismuskritiker oder eine Culture-Clash-Liebeskomödie mit ins Geschehen geworfen werden, scheitert der Film auf ganzer Linie.
Die Kurzfilme von Walerian Borowczyk sind ähnlich jenen von Jan Svankmajer, indem sie ihrem faszinierendem und träumerischem Stil stets treu bleiben. Dennoch sind die Ergebnisse nicht immer von gleich hoher Qualität. Der Monolog „Rosalie“ (1966), basierend auf einer Episode eines Romans von Guy de Maupassant, ist ein faszinierendes Zeugnis von der Kraft der simplen Stilmittel. Ein Gesicht, ein Geständnis und einige fein eingestreute Zwischensequenzen. Dagegen wirkt „Diptych“ (1967) geradezu erschreckend banal und kann in seinen beiden zusammengeklappten Episoden kaum überzeugen. Da helfen nicht mal die süßen Kätzchen, die durchs Bild wandern. Unterhaltsam geriet „Le Phonographe“ (1969) auch wenn auf rein filmischer Ebene wieder zu sehr die Svankmajer-Verweise ins Auge stechen. Der dokumentarische Kurzfilm „L’amour monstre de tous le temps“ (1977) porträtiert den serbischen Maler Popovic Ljuba bei der Herstellung eines erotischen Gemäldes und untermalt dies mit Richard Wagner-Musik. Der chronologisch letzt entstandene Kurzfilm – „Scherzo Infernal“ (1984) – wirkt wie ein Lausbubenstreich. Ein animiertes Treffen zwischen einem Engel, die als Prostituierte ihr Glück finden will, und einem Sohn des Teufels.
Bjorn Melhus‘ „Das Badezimmer“ (2011) nutzt auf amüsante Weise die deutsche Tonspur des „Psycho“-Trailers – mit einem stark akzentuiert Deutsch sprechendem Hitchcock – und zeigt Melhus, der durch ein Haus führt. Amüsant in seiner Machart, aber im Grunde wirkt dies mehr wie ein Studentenfilm.
Philippe Garrels avantgardistischer „Les Hautes Solitudes“ (1974) zeigt die große Jean Seberg gnadenlos über 80 Minuten lang in langen Einstellungen, in denen sie ihr ganzes Wesen offenbart. Ohne Tonspur entfalten die stillen Aufnahmen der mal lächelnden, mal weinenden, mal hadernden Seberg einen faszinierenden Sog.
Der Dokumentarfilm „Future Baby“ (2016) hat ein interessantes Thema (Fortpflanzung in der modernen Welt), aber greift dieses etwas defensiv und konservativ auf. Anstatt auch auf die finanziellen Hintergründe einzugehen, dürfen werdende Eltern von ihren Kämpfen sprechen und Ärzte die Technik des Prozesses erklären. Informativ aber wenig mitreißend oder tiefgründig.
Für viel Furore sorgte schon im Vorfeld der letzte Teil der „Wolverine“-Filme. Mit „Logan“ (2017) hat James Mangold einen überraschend nachdenklichen, überaus blutigen und unterhaltsamen Wolverine-Film erschaffen, der auch mit den besten Comic-Filmen der letzten Jahrzehnte mithalten kann. Das liegt vor allem am melancholischen Grundton, in dem die X-Men dem Ende entgegen gehen. Professor X (Patrick Stewart) ist ein Pflegefall und Wolverine (Hugh Jackman) will von seinen Kräften nichts mehr wissen. Dass er auch immer seltener heilt, zeigt seinen Niedergang. Mit über zwei Stunden ist der finale Abgesang zu lang geraten, aber sind die Darbietungen fantastisch und Mangolds Regie sorgt dafür, dass niemals Langeweile aufkommt.
Der spanische Geschwisterreigen „AzulOscuroCasiNegro“ (2006) ist eine kompetent gemachte, aber insgesamt etwas biedere Zustandsbeschreibung der Männlichkeit aus spanischer Sicht. Unerfüllte Liebesbeziehungen aus Jugendtagen, Schwangerschaften hinter Gittern und unausgesprochene Homosexualität. Thematisch vielfältig und dennoch ein wenig unbefriedigend.
Das Regiedebüt des amerikanischen Komikers Jordan Peele, war ein Sensationshit in den USA und wurde auch weltweit beachtet. „Get Out“ (2017) ist eine bitterböse Satire mit ganz viel Horror- und Thriller-Einschlägen, in denen neben Sklaverei- und Rassismus-Fragen, auch generell die Frage nach liberaler Scheinheiligkeit gestellt wird. Der Besuch der Schwiegerfamilie wird für Chris (Daniel Kaluuya) zu einem Horrortrip, in dem sich sowohl seine Freundin (Allison Williams) und deren Familie (mit Catherine Keener als sinistrer Therapeutin) als viel verschlagener entpuppen, denn zunächst gedacht. Ein sehr starkes Debüt.
Arnaud Desplechins knapp ein Stunden langer „La Vie des morts“ (1991) ist geradezu ein Klischee-Beispiel für französisches Kino. Ein junger Mann versuchte Selbstmord zu begehen und während er im Koma liegt, bespricht seine Familie die Auswirkungen seiner Tat. Ein interessanter Film, der mich aber nie begeistern konnte, während das Konzept und seine straff-nüchterne Inszenierung mir imponierten.
Abel Ferraras Thriller „Fear City“ (1985) beinhaltet so gut wie jedes bekannte Klischee der Achtzigerjahre-Thriller. Die von einem Serientäter verfolgten, misshandelten und ermordeten Showgirls, werden von Ferrara in einem Licht wie „Sea of Love“ oder „Cruising“ gezeigt, während Tom Berenger als Ex-Boxer/Privatdetektiv auf der Jagd nach dem Killer seine Vergangenheit wieder erkundet. Billy Dee Williams als Polizist bringt eine Prise Coolness ins Geschehen und eine junge Melanie Griffith darf als Showgirl ihre Reize einsetzen. Klischees gewürzt mit tollen Charakteren ergeben einen annehmbaren Thriller.
Das Regiedebüt von Bernhard Weirather erzählt die schon x-mal durchgekaute Geschichte einer Rückkehr in den familiären Schoß. Nina Proll spielt die junge Frau, die einst in die weite Welt ausziehen wollte und es nur zu einem Restaurant am Donaukanal schaffte. Die Rückkehr anlässlich der Beerdigung ihres Großvaters, setzt die vorhersehbaren Mechanismen in Gang. Nichts ist hier überraschend oder aufwühlend. „Ikarus“ (2002) kann im Gegensatz etwa zu „Kotsch“ keine neuen Aspekte an der ausgelutschten Handlung finden.
Die Geschichte zur Entstehung des Rennfilms „Le Mans“ erweist sich als faszinierendes Material für einen etwas mehr als 90 Minuten langen Dokumentarfilm. In „Steve McQueen: The Man & Le Mans“ (2015) wird die von Unfällen, Streitereien, Streiks und Paranoia geprägte Produktion als Schlüsselmoment im Leben und der Karriere McQueens heran gezogen. Der damals wohl populärste Schauspieler der Welt wollte sich einen Traum erfüllen, und sowohl seine Faszination für den Rennsport als auch die missglückte Produktion des Films, sind interessant. Doch wiederholen die Regisseure John McKenna und Gabriel Clarke ihre Punkte etwas zu oft und gleitet der Film hin und wieder in pure Heldenverehrung ab.
Der dazugehörige Film „Le Mans“ (1971) beeindruckt durch geradezu dokumentarischen Flair – so wird in den ersten 40 Minuten kein hörbarer Dialog gesprochen, sondern nur Gemurmel in den Boxengassen unter Motorenlärm erstickt – und fasziniert bei der Darstellung des 24-Stunden-Rennens. Doch sobald eine klassische Handlung erzählt werden soll, scheitert das Rennfahrerdrama rund um Steve McQueen kläglich.
Unter ähnlichen Problemen leidet der fast drei Stunden lange Prestigefilm „Grand Prix“ (1966) mit James Garner in der Hauptrolle (zudem glänzen Yves Montand und Toshiro Mifune). Formel-1-Action in wunderschöner Breitwand-Optik, die eine riesige Leinwand regelrecht erfordert, dazu all die Methoden des 1960er-Prestigekinos (inklusive Ouvertüre und Pause), für einen Film, der eine furchtbar melodramatische Handlung erzählt. Wenn am Ende, nach dem tragischen Tod eines Fahrers, dessen Freundin in die Menge brüllt, ob es dies sei, was man wolle, gerät der wunderschön gemachte aber tödlich langweilige Film beinahe ins Abseits. Beide Rennfahrerfilme leiden viel zu sehr unter ihrer schlecht ausgearbeiteten Handlung, glänzen aber mit fantastischen Rennaufnahmen.
Der afro-amerikanische Filmemacher Oscar Micheaux gilt als Pionier des diversen (Stummfilm)-Kinos. In seiner Romanverfilmung „Body and Soul“ (1925), darf Paul Robeson als vermeintlicher Pfarrer eine junge Frau verführen und deren Niedergang herbei führen. Micheaux wurde von den Zensoren zu einem Quasi-Happy-End gezwungen, was am Ende dem Film einiges von seiner Kraft nimmt. Dank der imposanten Leistung von Paul Robeson (der mehr noch als Sänger bekannt ist), bleibt der etwas unentschlossene Film doch im Gedächtnis.
Der amerikanische Independentfilm „The Pleasure of Being Robbed“ (2008) von Joshua Safdie (Drehbuch gemeinsam mit Elélonore Hendricks) wirkt wie eine moderne US-Version von Robert Bressons „Pickpocket“. Diesmal allerdings aus der Sicht einer jungen Frau (Hendricks), die scheinbar wahllos Taschen stiehlt und deren Inhalt nutzt (Autoschlüssel) oder aussetzt (Hundebabies). Safdie taucht als ihr Freund (und Fahrlehrer) auf, doch sind die Charaktere derart unsympathisch geraten, dass es stellenweise schwer fällt, so etwas wie Interesse für deren Dahintreiben im New Yorker Alltag zu entwickeln. Gut gemacht, aber nicht immer leicht zu konsumieren.
Mit „War Machine“ (2017) will Netflix endgültig die Regeln der Kino-Distribution auf den Kopf stellen. Das mag ihnen aber nur zum Teil gelingen, denn auch wenn die Absichten der Sachbuchverfilmung, über einen US-General (Brad Pitt) und seinen hoffnungslosen Einsatz in Afghanistan, nobel sind, so verheddert sich Regisseur David Michod unter zu vielen möglichen Wegen die Geschichte zu erzählen. Die Voice Over des etwas eigenwillig irgendwann inmitten des Films eingeführten Rolling Stone Reporters (Scott McNairy) versucht seriös durch den Film zu führen, während Pitt in seiner etwas zu simplen Darbietung einen satirischen Ansatz verfolgt. Michod inszeniert das Geschehen derweil als Mischung aus „Jarhead“ und „American Sniper“. Auf diese Art und Weise verliert sich „War Machine“ in Beliebigkeit.
Der auf wahren Begebenheiten basierende Gefängnisthriller „Midnight Express“ (1978) ist ein faszinierend gemachter Thriller von Alan Parker. Die Geschichte des US-Touristen William Hayes (Brad Davis), der beim Versuch Marihuana aus der Türkei zu schmuggeln, erwischt und zu viereinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt wird, ist zwar voller Klischees aus anderen Gefängnisfilmen, doch sind das (Oscar-gekrönte) Drehbuch von Oliver Stone und die Inszenierung von Parker immer derart mitreißend gestaltet, dass man über die Klischees hinweg blickt. Hinzu kommen großartige Darbietungen von John Hurt und Randy Quaid. Das türkische Justizsystem mag hier nicht ganz glaubhaft dargestellt worden zu sein, doch erschreckender wirkt, wie nah dran die aktuelle Regierung diesem alten System wieder ist.
Der britische Filmemacher Ben Wheatley ist mit seinen stilistisch ausgefeilten Werken, zu einem Kritikerliebling in seinem Heimatland empor gestiegen. Außerhalb der Landesgrenzen ist er noch großteils unbekannt. MIt dem Action-Kammerspiel „Free Fire“ (2016) könnte er zumindest ein wenig seinen Bekanntheitsgrad steigern. Die prominent besetzte Schießerei (Brie Larson, Armie Hammer, Noah Taylor, Sam Riley, Sharlto Copley, Cillian Murphy, uva) in einem Lagerhaus, in dem ein Waffendeal außer Kontrolle gerät (hauptsächlich wegen verletzter Eitelkeiten), ist ebenso kurzweilig und unterhaltsam wie Handlungs- und Sinnfrei. Im besten Sinne ein eskapistischer Traum, der aber dennoch nicht ganz so viel Spaß macht wie der ähnlich gelagerte „Shoot ‚Em Up“.
„Raw“ (2016), das Spielfilmdebüt von Julia Ducournau, ist ein beeindruckend vielschichtiges Porträt weiblicher Selbstbestimmung, im Angesicht von Gruppenzwang inmitten einer schulischen Ausbildung. Die junge Justine (Garance Marillier) will an einer Veterinärschule ausgebildet werden und folgt ihrer ein Jahr älteren Schwester. Doch die Vegetarierin wird von Beginn an mit Tierblut, Tierkadavern und Erniedrigungen von Schülern und Professoren konfrontiert, die ihr Selbstbild ins Wanken bringen. Ducournau hält mitleidlos auf die kannibalistischen Akte hin, und eröffnet so eine geradezu Cronenberg’sche Dimension des Body Horror. Die Frauen in „Raw“ bestimmen über sich selbst, sobald sie ihre innersten Wünsche entdecken. Im Fall von Justine und ihrer Schwester ist dies ein kannibalischer Trieb, den sie zu kontrollieren erst lernen müssen. Ein faszinierender Film, der noch lange im Gedächtnis hängen bleibt.

The 1001 Project
In „Un condamné à mort s’est échappe“ (1956) nimmt sich Robert Bresson viel Zeit um einen geplanten Gefängnisausbruch, während des Zweiten Weltkrieges, zu zeigen. Das irritiert zu Beginn, doch zieht es im Laufe des von Bresson sehr konzentriert gemachten Films, immer mehr in den Bann. Ein Handlungsarmes Werk mit höchstmöglicher Wirkung.
Jean Renoir ist in diesem Monat mehrfach vertreten, dank eines Schwerpunkts bei arte. Sein hoch gelobter „La Règle du jeu“ (1939) wirkt im Rückblick ein wenig wie ein Vorläufer von Robert Altmans „Gosford Park“, indem es eine Reihe verschiedenster Charaktere aus verschiedensten Schichten aufeinander prallen lässt und die Gegensätze analysiert. Doch mit dem unvollendet gebliebenem „Partie de campagne“ (1936) konnte mich Renoir mehr begeistern. Eine Familie auf Landausflug, eine Tochter und ein Casanova die sich näher kommen. Es ist eine ganz einfache und simpel erzählte Geschichte, doch hier zeigt Renoir seine Liebe zum Detail und seine Stärke für Charakterdarstellung. Ein fantastischer (unfertiger) Film.
Bevor Alfonso Cuarón in Hollywood landete, überraschte er mit seinem Road-Movie „Y Tu Mamá También“ (2001) die Filmwelt. In Mexiko brach er mit der Komödie über zwei Teenager (Gael Garcia Bernal und Diego Luna) die mit einer etwas älteren Frau (Maribel Verdú) auf eine längere Tour durch Mexiko ziehen, Kassenrekorde. Cuarón unterlegt seinen aufreizenden Film mit viel Sozialkritik und Beobachtungen zum Zustand der mexikanischen Gesellschaft. Überraschend komplex, was auf den ersten Blick so simpel und oberflächlich wirkt.
Der stille und Handlungsarme dänische Film „Babettes gaestebud“ (1987) ist ein ebenso wunderschönes wie auch langweiliges Beispiel für große Filme, deren Reiz sich mir schlicht nicht erschließt. Weder schien mir der Oscar-gekrönte Film die Beziehung der verschiedenen Charaktere nachvollziehbar zu gestalten, noch erweckte er irgendein Interesse für die vielen Charaktere. Stattdessen: Hübsche Sets, feine Kostüme und ein Festmahl am Ende.
Mit „La Chienne“ (1931) konnte Jean Renoir seinen ersten durchschlagenden Kritiker- und Publikumshit feiern. Das erscheint im Rückblick etwas überraschend, denn keiner der Charaktere ist auch nur im Ansatz sympathisch. Doch Renoir gestaltet die Verführung des etwas tumben Kassier und Malers Legrand (Michel Simon) durch die junge Lulu (Janie Marèse), die im Auftrag ihres Zuhälters agiert, spannend und interessant. Die vielen Verstrickungen, die in Mord und Elend enden, zeigen Renoir von seiner kompromisslosen und exakt beobachtenden Seite. Zudem ist Michel Simon hervorragend in der Hauptrolle.

Re-Visited
Kurz vor dem Kinostart des fünften Abenteuers der „Fluch der Karibik“-Reihe, war es wieder einmal an der Zeit, sich die derart populären Vorgängerfilme anzusehen. „Pirates of the Caribbean: The Curse of the Black Pearl“ (2003) ist heute noch voller Charme und unterhaltsamer Szenen, getoppt von One-Linern die immer noch im Popkulturellen Gedächtnis verhaftet geblieben sind. Die Oscar-nominierte Darbietung von Johnny Depp als Jack Sparrow, sowie Geoffrey Rush als Captain Barbossa sorgen zudem für darstellerische Glanzlichter. Da vergisst man gerne, dass das Drehbuch sehr viele Logiklöcher aufweist. Teil 2 „Dead Man’s Chest“ (2006) ist inszenatorisch sogar noch eine Spur gelungener, wenngleich weniger charmant. Gore Verbinski liefert fantastische Gags und bietet allen Darstellern genügend Raum für eindrückliche Darbietungen (etwa Bill Nighy als Davy Jones oder Jack Davenport als Commodore Norrington). Teil 3 jedoch kann die aufgebrachten Handlungsstränge nur noch wenig überzeugend zu Ende führen. Tiefpunkt von „At World’s End“ (2007) ist die Hochzeit zwischen Will (Orlando Bloom) und Elizabeth (Keira Knightley). Waren ihre beiden Charaktere in den ersten beiden Filme charmant und unterhaltsam, hat sich deren Liebesgeschichte zu regelrechtem Ballast entwickelt. Zumindest bekommen Davy Jones und Jack Sparrow feine Abschlüsse ihrer Geschichten, doch ist das Spektakel zu bombastisch und der Film schlicht zu lang und langatmig geraten.
Der vierte Teil der Piraten-Saga „On Stranger Tides“ (2011) ist kein schlechter Film, doch wirkt er schlicht müde und dadurch auch langweilig. Dass mit Rob Marshall womöglich der falsche Regisseur das Steuer übernehmen durfte, zeigt sich an den schwach inszenierten Fechtszenen und daran, dass mit Ian McShane als Blackbeard ein wunderbarer Darsteller geradezu verschwendet wird, in einer potentiell starken Bösewichts-Rolle. Johnny Depp und Geoffrey Rush sind weiterhin gut, doch kann „On Stranger Tides“ nicht wirklich überzeugen.
Die Rückkehr von „Twin Peaks“ war natürlich ein Grund, um den viel diskutierten (um nicht zu sagen: viel gehassten) Prequel-Kinofilm „Twin Peaks: Fire Walk with Me“ (1992) erneut zu betrachten. Natürlich ist das geradezu Vintage-Lynch, ohne jede Rücksicht auf eher gemächlich veranlagte Twin Peaks-Fans. Stattdessen taucht Lynch ganz tief in die Mythologie dieser Seriensaga ein. Dass dabei viele Handlungsstränge geradezu selbstzweckhaft in der Luft hängen bleiben, nimmt er in Kauf. Dadurch bleibt „Fire Walk with Me“ aber auch zu sehr ein introspektives Lynch-Werk, ohne Rücksicht auf ein breiteres Publikum. Der Film sitzt somit irgendwo zwischen den Stühlen Twin Peaks-Prequel und Lynch-Thriller.

Serien-Überblick
Die Animationsserie „Rick and Morty“ wurde mir ans Herz gelegt, und so blieb ich auch nach zwei eher enttäuschten Premierenepisoden der 1. Staffel (2013) dran, was sich lohnte. Die absurden Abenteuer des genialen versoffenen Wissenschaftlers Rick, der gemeinsam mit seinem naiven Enkel Morty durch Parallelwelten zieht, schwanken zwar in ihrer Qualität, wissen aber aufgrund ihres derb-absurden Humors immer zu unterhalten.
Staffel 2 (2015) erweitert das Universum ein wenig und lässt alle Charaktere bewusst an den Abenteuern von Rick und Morty teilnehmen. Etliche Charaktere, die als Nebenfiguren einmal auftauchten, sind in späteren Episoden wieder zu sehen, und es gibt auch keinerlei Überraschung darüber, dass es viele Welten und viele außerirdische Rassen gibt. Das erlaubt den Machen, jeden Charakter in wüste Abenteuer zu schicken, was den Unterhaltungsgehalt anhebt.
Die 2. Staffel von „Black Sails“ (2015) setzt nahtlos fort, was in Staffel 1 aufgebracht wurde. Der Kampf um das Gold des Schiffs Urca de Lima steht im Zentrum der Intrigen und Kämpfe. Dabei erfährt man diesmal auch etwas mehr über die Hintergründe zu Piratenkapitän Flint (ein immer besser in der Rolle wirkender Toby Stephens) und seiner Vergangenheit bei der britischen Marine. Sex- und Gewaltszenen wurden, bis auf punktuelle Ausnahmen, zurückgenommen, und die vielfältigen Intrigen sorgen oftmals für mehr Verwirrung als für spannende Einsichten. Dennoch unterhält die Piratensaga nicht nur als Quasi-Vorgeschichte zur „Schatzinsel“ – diesmal inklusive einer Aufklärung zum Long John Silvers Holzbein – sondern auch als Piraten-Action mit interessanten Gimmicks für Kenner der echten Piratenhistorie.
Bill Nye ist in den USA vor allem als Moderator einer an Kinder gerichteten Wissenschaftssendung bekannt. In den letzten Jahren hat sich der Wissenschaftler/Moderator auch als öffentliche Person in den Mittelpunkt gestellt und so auch den Zorn von Klimawandelleugnern, Pharmagegnern und generell Wissenschaftsskeptikern auf sich gezogen. „Bill Nye Saves The World“ ist eine stellenweise fantastische, zumeist recht gut unterhaltende Wissenschaftsshow, die den Show-Aspekt in manchen Momenten allerdings viel zu weit treibt (vor allem die Song- und Tanz-Einlagen sind furchtbar). Manchmal scheint sich Nye auch an ein kindliches oder naives Publikum zu wenden, während ein erwachsenes aufgeschlossenes Publikum in diesen Momenten ein wenig links liegen gelassen wird. Doch der Enthusiasmus von Nye und die thematisch wichtige Aufarbeitungen machen zumindest Staffel 1 (2017) zu einem gut gemachten Wissenschaftsshow-Beitrag.
Mittlerweile in der 10. Staffel (2016) ist die Sitcom „The Big Bang Theory“ angekommen und wie schon in den letzten Jahren scheint es kaum noch einen Weg zu geben, um das Ensemble noch weiter zu neuen interessanten Entwicklungen zu führen. Stattdessen gibt es im Grunde nur mehr dessen, was man bereits kennt. Dadurch zerstört eine Anfangs hervorragende Serie mit den letzten Staffeln (und davon sollen noch zwei kommen) seinen guten Ruf und versinkt im Sitcom-Mittelmaß.
Die spanische Netflix-Serie „Las chicas del cable“ präsentiert sich in Staffel 1 (2017) als ambitionierte, aber dennoch viel zu oberflächliche Darstellung gesellschaftlicher Verhältnisse im Spanien der 1920er. Innerhalb eines Madrider-Telefonkonzerns angesiedelt, werden Feminismus, Anarchismus, Kommunismus und Faschismus in einen großen Topf geworfen, in dem am Ende doch die Telenovela-Behandlung von Verrat und Sex dominieren. Womöglich funktioniert die Vermischung der Sets mit moderner Musik im spanischen Original besser, doch die synchronisierten Dialoge geben der Serie noch mehr von einer billigen TV-Produktion, die in den 1990ern wohl beeindruckt hätte. Heute, ist sie nett anzusehen, aber zugleich extrem antiquiert.
Fünf Jahre nach dem vorgeblichen Ende von „Schnell ermittelt“, legt der ORF eine 5. Staffel (2017) vor. Dies kommt nicht sonderlich überraschend, da in der Zwischenzeit immer wieder Sonderfilme entstanden, von welchen ich aber nur den jüngsten gesehen habe. Staffel 5 arbeitet sich diesmal an der Frage ab, ob Angelika Schnells Sohn einen Mord begangen hat. Nicht nur, dass die Charaktere allesamt unsympathisch wirken und dadurch auch kaum Raum zur Entfaltung bleibt, es wird auch noch mit billigsten Kniffen gearbeitet, um das Publikum auf die falsche Fährte zu locken. Die finale Enthüllung und Schnells (routiniert: Ursula Strauss) Reaktion darauf, erzeugen sogar regelrecht Wut.
Die bayrische Mini-Serie „Hindafing“ (2017) zeigt, dass es auch im deutschsprachigen Raum möglich ist, eine den internationalen Ansprüchen entsprechende Serie zu produzieren, ohne dabei den lokalen Aspekt verleugnen zu müssen. Der fiktive Ort Hindafing ähnelt ein wenig Braunschlag und es sind auch Ansätze von „Fargo“ zu erkennen. Der seine Wiederwahl anstrebende Bürgermeister Alfons Zischl (fantastisch: Maximilian Brückner) steht im Zentrum verschiedenster kleiner und großer Intrigen. All das, im Schatten der Beerdigung seines Vaters. Da spielen Drogensucht, politische Mauscheleien und die Instrumentalisierung der Flüchtlingsfrage eine große Rolle. Auch wenn in den sechs Episoden die Musik für mich ein Graus blieb, und manche Handlungsstränge etwas zu offensichtlich die großen US- und UK-Vorbilder anvisierten, so war diese Serie eine große positive Überraschung dieses Jahres.

Das monatliche Update bietet einen knappen Überblick über alle Filme, die ich im Laufe eines Monats gesichtet habe. Darunter fallen Werke aus den hier publizierten Listen sowie Kino-Neustarts und Filme die ich nach längerer Zeit wieder einmal sichte. Im Update werden diese in verschiedene Kategorien unterteilt.

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