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Überraschend oft, ging es diesmal ins Kino, was vor allem an Star-besetzten Großprojekten wie „Blade Runner 2049“ und „Murder on the Orient Express“ lag. Doch die positiven Überraschungen waren dann andere Werke, wie Fatih Akins „Aus dem Nichts“ oder die charmante Romantikkomödie „The Big Sick“. Im Heimkino waren es Sofia Coppolas „The Beguiled“ und vor allem Netflix-Dokumentation zu Joan Didion, Andy Kaufman und Wolfgang Beltracchi, die faszinieren konnten.

Neuzugänge
Die Fortsetzung zum Kult-Klassiker „Blade Runner“ war seit Jahren diskutiert worden, doch erst nach seinem Hit „Arrival“ konnte Denis Villeneuve sowohl die Kraft, als auch das erworbene Prestige einsetzen, um unter Führung von Produzent Ridley Scott „Blade Runner 2049“ umzusetzen. Ryan Gosling ist gut besetzt als sympathischer Blade Runner K, der mit seinem Dasein als Replikant zu hadern beginnt, als er einen neuen Fall bearbeitet, in dem es um das natürlich geborene Kind einer Replikantin geht. Villeneuve weiß visuell zu überzeugen und der Soundtrack ist auch entsprechend pompös geraten, doch während viele große und großartige Ideen den Film durchfluten, lähmt die Inszenierung – ganz im Blade-Runner-Stil – den Zuseher. Unterbrochen von ein paar Nackt- und Action-Szenen, soll das Publikum davon überzeugt werden, dass es hier komplexe Sci-Fi serviert bekommt. Dabei ist es im Endeffekt doch recht oberflächliche dystopische 08/15-Unterhaltung.
Kenneth Branaghs visuell eindrucksvolle und ganz auf ein Massenpublikum zugeschnittene Neuverfilmung des berühmten Agatha Christie-Romans „Murder on the Orient Express“, fasziniert durch sein betont konservatives Erzähltempo, das imposante Ensemble (Johnny Depp, Michelle Pfeiffer, Daisy Ridley, Willem Dafoe, etc.) und vor allem Kenneth Branaghs Interpretation des Hercule Poirot inklusive übergroßem Schnauzer. Branagh nimmt sich die eine oder andere (gelungene) Freiheit, inszeniert aber die letzten 20 Minuten derart melodramatisch (wobei der ohnehin schwülstige Score noch pathetischer wirkt), dass der Gesamteindruck doch eher zwiegespalten bleibt.
Dass Diane Kruger sehr wohl komplexe Rollen spielen kann, bewies sie sowohl in „Inglourious Basterds“ als auch in der US-Version der skandinavischen Serie „The Bridge“. Dennoch trifft es einen unvorbereitet, wie sehr sich Kruger in die Rolle einer trauernden Frau in „Aus dem Nichts“ hinein arbeitet. Als ihr türkischstämmiger Mann und ihr kleiner Sohn bei einem Bombenanschlag durch zwei Neo-Nazis ums Leben kommen, durchlebt Kruger alle Facetten der Trauer und Akin geht hier nicht gerade subtil aber umso effektiver vor, wenn er das Leid der Hinterbliebenen – dabei auch die Streitereien der türkischen und deutschen Eltern bezüglich der Überreste der Toten – aufzeigt. Akins Film wühlt auf und versetzt einen stellenweise geradezu in Rage (vor allem wenn Johannes Krisch als Verteidiger der beiden Nazis jedes Mittel nutzt um Ekel zu erzeugen), doch es ist vor allem Krugers Sicht der Dinge, die im Zentrum steht und sie zeigt die wohl beste Leistung ihrer Karriere, die in Cannes mit einem Darstellerpreis geehrt wurde.
Basierend auf ihrer eigenen Liebesgeschichte, erzählen Kumail Nanjiani und Emily V. Gordon von ihrer dramatischen Beziehung, und wie sie alle Hochs und Tiefs innerhalb weniger Monate durchmachten. Nanjiani, der sich selbst spielt, ist ein ebenso charismatischer wie sympathischer Hauptdarsteller und Zoe Kazan bringt eine verspielte Bockigkeit zu ihrem Charakter, auch wenn Nanjiani im Fokus steht. Aufgewertet durch routinierte Nebendarsteller (Ray Romano und Holly Hunter spielen Emilys Eltern) und mit kulturellen Konflikten auf ebenso ernsthafte wie humorvolle Weise umgehend, ist „The Big Sick“ eine der großen Überraschungen des Filmjahres. Es mag zwar irritieren, dass manche Konflikte einer „My Big Fat Greek Wedding“-Logik folgen, doch ist dies ebenso sympathisch wie humorvoll in Szene gesetzt.

Leider schaffte ich es nicht Sofia Coppolas neuestes Werk im Kino zu sichten, und nachdem ihre Bearbeitung von „The Beguiled“ (2017) zu Hause sah, ärgerte ich mich noch einmal darüber. Ihre träumerisch inszenierte Südstaaten-Elegie um ein Mädcheninternat – geführt von Nicole Kidman – und einen verletzten Yankee-Soldaten (Colin Farrell), ist eine ebenso verspielte, wie hinterlistige Studie über Verführung und das Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Coppola lässt ihr Ensemble mit vieldeutigen Blicken ganze Handlungsstränge erklären, und die Darstellungen sind ebenso wunderschön, wie das Set-Design und der Schauplatz. Coppolas stärkster Film seit „Lost in Translation“.
Das Vorgängerwerk „The Beguiled“ (1971) von Don Siegel mit Clint Eastwood als verletztem Soldaten, ist nicht minder komplex, aber von Siegel mit mehr Fokus auf die männliche Perspektive. Der Reiz der Erzählung liegt vor allem darin, dass Eastwood bis dahin noch nie so verletzlich und ausgeliefert auf der Leinwand zu sehen war. Ein Western-Kleinod, welches mir trotz meiner Eastwood-Vorliebe allerdings in der Version von Sofia Coppola besser gefiel.
Filme wie „Zweisitzrakete“ (2013) von Hans Hofer machen es mir schwer, den heimischen Film zu verteidigen. So lobenswert es auch ist, dass Hofer eine romantische Komödie drehen wollte, so oberflächlich, uninspiriert und geradezu lähmend langweilig gestaltete er diese. Es ist beinahe nicht der Rede wert, dass Manuel (Manuel Rubey) in seine beste Freundin Mia (Alissa Jung) verliebt ist, und diese erst erobern will, als sie sich in den Piloten Michele (Lukas Spisser) verliebt). Es ist einfach vergeudete Zeit.
Passend zu Halloween präsentierte arte Filme von Mario Bava. Einer davon war „Gli orrori del castello di Norimberga“ (1972) mit Joseph Cotton als Baron. Sehr humorvoll fand ich, dass der Film in Österreich spielte, und alle Beteiligte perfektes (synchronisiertes) Italienisch sprachen. Die Geschichte von einem Baron, der in seinem Schloss foltert und mordet, konnte meine Aufmerksamkeit nur stellenweise halten, während Bava wie üblich wunderschön gefilmte Horrorszenarien lieferte. Kein Meisterwerk, aber hübsch anzusehen.
Der britische Low-Budget-Thriller „Devil Doll“ (1964) rund um einen Hypnotiseur und Bauchredner mit seiner teuflischen Puppe, ist genau die Art von billig produziertem B-Movie-Horror, die ich mir immer wieder ansehen kann. Keineswegs gut gemacht oder qualitativ hochwertig, aber amüsanter Horrorspaß.
Der 1958 entstandene „Blood of the Vampire“ von Henry Cass ist ebenso ein amüsanter billiger Horrorfilm, der durch seine durch die Zeit bestimmte Ästhetik meine Aufmerksamkeit für sich gewinnen konnte. Dass ausgerechnet in einem Film mit solch einem Titel weder Blut noch Vampire in ausreichendem Ausmaß vorkamen, sorgte aber dann doch für gewisse Ernüchterung.
Neil Simon adaptierte selbst sein Bühnenstück „Barefoot in the Park“, welches als Kinofilm (1967) unter der Regie von Gene Saks auch heute noch ein Feel-Good-Hit ist. Jane Fonda und Robert Redford sind das jung vermählte Paar, welches in einer winzigen Wohnung im 5. Stock eines von bizarren Mietern bewohnten Hauses Quartier beziehen. Fonda war selten lustiger, und Redford spielt mit seinem Image als gut aussehender Star, während die Show vor allem den Dialogen von Simon gehört. Es ist eine Freude dem Treiben in der Wohnung zuzusehen, auch wenn viel zu oft die Regie von Saks zu sehr darauf verweist, ein Theaterstück zu adaptieren. Komödien aus den späten Sechzigern und den Siebzigern zaubern dann doch meist einfach ein Lächeln auf mein Gesicht.
„The Fifth Element“ war ein Überraschungshit von Luc Besson, in dem er all seine bunt-knalligen Ideen verarbeitet. „Valerian and the Thousand Planets“ (2017) mag deshalb vielleicht ein wenig zu sehr wie eine Wiederholung des alten Kinohits gewirkt haben, obwohl Besson die legendären Comic-Bücher gleichen Namens adaptierte. Mein Problem mit dem neuen knallbunten und äußerst kreativen Sci-Fi-Abenteuer war dann leider die viel zu lange Laufzeit, und dass Besson eine eher dürre Geschichte eben auf derartige Länge aufblasen musste. Hätte er 90 oder 100 Minuten auf diese Geschichte verwandt, es hätte ebenso gut das erste Kapitel einer neuen „Valerian and Laureline“-Saga sein können. So bleibt der fahle Nachgeschmack eines unnötig aufgeblasenen Abenteuers, in dem selbst Clive Owen wenig Chancen hatte, darstellerisch zu glänzen.
Charlize Theron ist DIE Action-Heroin des 21. Jahrhunderts. Nach „Mad Max“ und ihrem Abstecher zu den lächerlichen „Fast & Furios“-Filmen, zeigt sich in „Atomic Blonde“ (2017), dass sie nicht nur Action-Szenen und -Choreografien beherrscht, sondern auch das Spiel im doppelbödigen Agenten-Genre mit links meistert. Kein Wunder, Theron ist eine ausgewiesene Top-Darstellerin, und es ist eine Freude wie Regisseur David Leitch (geeicht durch „John Wick“) vor allem die Kampf-Sequenzen in all ihrem Glanz und ihrer Glorie ohne CGI ausspielt. Leider ist die Handlung um Spione, Doppel-Agenten und Listen mit Agenten-Namen eine schwache Bond-Kopie. Einzig das tolle Ensemble rund um Theron (James McAvoy, Toby Jones, John Goodman) kann die inhaltlichen Schwächen und den zu dick aufgetragenen Achtziger-Kitsch ein wenig ausgleichen.
Taylor Sheridan hat nach gefeierten Drehbüchern für „Sicario“ und „Hell and High Water“ mit „Wind River“ (2017) sein Regiedebüt vorgelegt. In einem Indianerreservat wird eine junge Frau ermordet aufgefunden. Der Fährtenleser Cory (Jeremy Renner) und die FBI-Agentin Jane Banner (Elizabeth Olsen) begeben sich auf die Suche nach dem Mörder, wobei Sheridan mehr an einem – nicht nur aufgrund der Winterlandschaft – unterkühltem Psychostück interessiert ist. Dabei friert Sheridan das Erzähltempo beinahe ein und so kommt die Auflösung umso schmerzhafter und überraschender. Ein starkes Debüt eines beachtenswerten Filmemachers.
Die Brüder Ben und Josh Safdie legen mit „Good Time“ (2017) jene Art von Independent-Film vor, die man sich von New Yorker Filmemachern auch vorstellt. Robert Pattinson will seinen Bruder aus dem Gefängnis holen, braucht dafür aber 10.000 Dollar Kaution. Sein irrlichtender Weg quer durch die Stadt, um das Geld zu bekommen, ist das Zentrum der Handlung, und auch ebenso schnell verliert sich die Faszination dafür, auch wenn die Safdie-Brüder alle möglichen Tricks, Schnitte und Filter anwenden, um das Geschehen hektischer und dynamischer zu gestalten, denn es wirklich ist. Zumindest darf Pattinson weiter Independent-Meriten sammeln.
Die türkische Dokumentation „Kedi“ (2016) von Ceyda Torun betrachtet die Stadt Istanbul und ihre spezielle Beziehung zu den vielen vielen vielen Katzen, die in der Stadt frei herum laufen, und sich quasi selbst ihre Besitzer aussuchen. Eine sympathische, kurzweilige und Herzerwärmende Arbeit, die vor allem von den vielen kleinen Anekdoten rund um die einzelnen Katzen lebt.
Ein wenig beschämt war ich, als die Netflix-Doku „Joan Didion: The Centre Will Not Hold“ (2017) ablief. Griffin Dunne porträtiert seine Tante Joan, die nicht nur eine interessante Person, sondern auch eine große Schriftstellerin ist. Ihr Leben und Werk, vor allem ihr Zusammenleben und ihre Zusammenarbeit mit ihrem Mann John Gregory Dunn steht im Zentrum der mit viel Herzblut erstellten Doku von Dunne. Ein Film, der nicht nur das Porträt einer großartigen Frau und ihres Lebensweges zeichnet (inkl. schmerzhafter Verluste), sondern auch Interesse für ihr Werk hervorruft.
Der Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi hat vor allem die deutschsprachige Kunstwelt in Schock versetzt, als sein groß angelegter und über Jahrzehnte laufender Schwindel mit gefälschten Kunstwerken aufflog. In „Beltracchi – Die Kunst der Fälschung“ (2014) darf sich der Künstler/Fälscher ohne Hemmungen präsentieren und auch seine Frau Helene bekommt ab Mitte des Films ihren Raum, um ihren Platz in der Geschichte zu erklären. Die Frage, ob Beltracchis Arbeiten jene eines Künstlers sind oder nicht, macht gemeinsam mit seinem nonchalanten und selbstbewussten Auftreten den Reiz dieser kurzweiligen Arbeit aus, doch bleiben zu viele Lücken, und zu viel wird in Beltracchis Sichtweise belassen.
Gore Verbinski versucht mit dem durchgestylten Thriller „A Cure for Wellness“ (2016) einen überlebensgroßen Horrorfilm der Gegenwart zu schaffen. Mit 2,5 Stunden scheint er auch immer noch (selbst nach seinen Erfahrungen an den ersten drei „Pirates“-Filmen) davon überzeugt zu sein, dass die Filmlänge an sich, bereits Epik verspricht. Stattdessen verschwendet er einen guten Hauptdarsteller (Dane DeHaan als arroganter Bürohengst auf der Suche nach einem verschwundenen Kollegen) und einen noch besseren Bösewicht (Jason Isaacs) sowie einen gut durchstilisierten Handlungsort mit einer aufgeblasenen Handlung, die viel zu viele vorhersehbare Wendungen nimmt, dass man sich einen 90 Minuten langen B-Movie mit weniger Stil, aber mehr Handlung gewünscht hätte.
Oren Movermans ambitioniertes Ensemblestück „The Dinner“ (2017) erzählt von zwei Brüdern und deren Frauen, die bei einem feinen Abendessen die schreckliche Tat ihrer Söhne besprechen. Richard Gere ist hier als Politiker hervorragend, während Steve Coogan in seinen depressiven Phasen noch am meisten Eindruck hinterlässt. Leider dürfen weder Laura Linney noch Rebecca Hall viel mehr sein, als die besorgten Löwenmütter, die um ihre Söhne kämpfen. Dass Moverman dies in durcheinander gewirbelter Chronologie erzählt, und es dennoch nicht schafft, die grausame Tat (eine Obdachlose wird von den Jungen angezündet) nachhaltig in die filmische Erzählung einzubauen, ist wohl die größte Schwäche eines Dialogsüchtigen aber doch nichtssagenden Dramas.
Aus Found Footage Material zusammengesetzt und mit einer ironischen Voice Over (im Original Tilda Swinton) unterlegt, zeigt „Dreams Rewired“ (2015) eine Geschichte der technischen Entwicklung. Dabei dominiert jedoch Technik-Skepsis, ohne allerdings eine alternative Sichtweise aufzuzeigen. Interessant vom Filmhistorischen Standpunkt, aber mit zu wenig Inhalt.
Im Stil der Gemälde von Vincent van Gogh zeigt „Loving Vincent“ (2017) das polnisch-britische Duo Dorota Kobiela und Hugh Welchman nach den Gründen für den Tod des großen, zu Lebzeiten verkannten, Malers. Die Technik (über gefilmte Szenen animieren) erinnerte mich an Richard Linklaters „Waking Life“ und „A Scanner Darkly“, doch wo Linklater interessante Geschichten zu erzählen hatte, wirkt „Loving Vincent“ zu sehr wie ein DVD-Special aus einem Museumsshop. Sehr schön anzusehen, aber zu gefällig inszeniert. Zumindest Jerome Flynns Auftritt konnte begeistern.
Dank arte landen immer wieder Stummfilme auf meinem Radar. Diesmal der sowjetische Stummfilm „Goluboy ekspress“ (1929) von Ilya Trauberg. Ein Zug soll Reisende von China nach Russland bringen. Die in drei Klassen unterteilten Passagiere erleben in diesem Film am eigenen Leib, wie die Arbeiterklasse sich von der arroganten Herrschaft der höheren Klassen befreit. Traubergs Film – im Grunde ein „Snowpiercer“ der Stummfilmzeit – wirkt zu großen Teilen wie ein Propagandafilm, weshalb das Interesse an der Handlung schnell erlahmt, so rasant sie auch umgesetzt ist.
Mario Bavas „Terrore nello spazio“ (1965) stand schon sehr lange auf meiner Wunschliste, und dank einem Bava-Spezial auf arte konnte ich endlich die Geschichte zweier Raumschiffe, die auf dem Planeten Aura landen und dort von einem körperlosen Wesen attackiert werden. Eher ein „Planet der Zombies“ (in der deutschen Übersetzung heißt der Film „Planet der Vampire“) und vor allem ein unterhaltsamer B-Movie mit wunderschöner Farbgestaltung, wie man sie bei Bava einfach erwarten konnte.
Mit viel Vorfreude erwartete ich vor Jahren den Start des Historienfilms „Tulip Fever“ (2017), da ich davon ausging, dass sich Justin Chadwick auf die Tulpenhysterie – die man als ersten Börsencrash der Welt bezeichnen kann – konzentrieren würde. Stattdessen ist bereits nach zehn langatmigen Minuten klar, dass Chadwick ein Liebesmelodram im Sinn hat, in dem eine verheiratete junge Frau (Alicia Vikander) sich in einen jungen Maler (Dane DeHaan) verliebt. Christoph Waltz als gehörnter Ehemann und Tom Hollander als schmieriger Arzt machen Spaß, doch ansonsten sind das knapp zwei verschwendete Stunden.
Basierend auf knapp 20 Jahre altem Hintergrundmaterial, welches eine Filmcrew im Auftrag von Jim Carrey während des Drehs von „Man on the Moon“ drehte, montierte Chris Smith eine herrliche Dokumentation über Jim Carrey und Andy Kaufman. „Jim & Andy The Great Beyond – Featuring a Very Special, Contractually Obligated Mention of Tony Clifton“ (2017) ist eine traumhafte Meta-Analyse eines Schauspieler, der einen Komiker/Schauspieler porträtiert und dabei in der Rolle eben dieses Menschen bleibt, wobei dieser selbst auch immer in andere Rollen (Tony Clifton) schlüpfte. Die Parallelen bei Carrey und Kaufman sind offensichtlich, und man erhält einen immensen neugewonnen Respekt vor Jim Carrey.
Matteo Garrone wurde international bekannt durch sein Mafia-Drama „Gomorrah“, weshalb ich höchst überrascht war, als er mit seinem Märchenfilm „Il racconto dei racconti“ (2015) auftauchte. Drei klassische italienische Märchen – die mir jedoch unbekannt waren – werden von Garrone ineinander verwoben und mit Starbesetzung (Salma Hayek, Vincent Cassell, Toby Jones) inszeniert. Farbenfroh und herrlich absurd, doch fehlte mir der emotionale Zugang zu diesen Geschichten. Märchen der Gebrüder Grimm hätten es bei mir wohl leichter gehabt.
Ulrich Seidl ist für mich immer schwer einzuschätzen. Seine Spielfilme und seine Dokumentationen arbeiten beide an der Grenze von Inszenierung und Dokumentararbeit. „Safari“ (2016) ist hierbei ein weiteres Beispiel dafür, wie sich Menschen im Auge der Kamera selbst inszenieren. Hier eine Reihe von Paaren, die auf Großwildjagd gehen und zwischen Ansichten über „die Afrikaner“ und die Notwendigkeit der Jagd, auch über die Qualität des Fleisches diskutieren. Seidl lässt die Personen sich selbst inszenieren und auch stellenweise demontieren. Die ausgedehnte Sequenz, in der Arbeiter eine erlegte Giraffe ausnehmen, ist allerdings der eindrucksvollste und am schwersten zu verdauende Teil.
Aus anderen Gründen schwer verdaulich ist der geradezu lächerlich einfältige Thriller „Hangman“ (2017), der einen absoluten Tiefpunkt in der Karriere von Al Pacino darstellt. Weshalb er sich, an der Seite von Karl Urban und Brittany Snow, für eine derart uninspirierte Serienkiller-Farce hergibt, bleibt sein Geheimnis. Noch dazu, da Pacino nie zuvor so müde wirkte. Seine ganze Darstellung erinnert an die mittlerweile schon berüchtigt gelangweilten Auftritte von Bruce Willis oder Robert De Niro. Selbst in „Misconduct“ zeigte Pacino etwas mehr Spielfreude. Es bleibt die Hoffnung, dass er in seinen nächsten angekündigten Projekten wieder mehr Engagement und auch mehr Gefühl für gute Drehbücher zeigt.
Die Zeiten in denen Tom Cruise eigenhändig die Kinowelt dominierte, sind offenkundig vorbei. Während die „Mission: Impossible“-Reihe von einem gewissen Markenwert rund um die Action-Abenteuer (verbunden mit seiner Person) profitiert, sind alle anderen Arbeiten der letzten Jahre an den Kinokassen hinter den Erwartungen zurückgeblieben. In „American Made“ (2017) spielt Cruise auf engagierte Art und Weise unter der Regie von „Edge of Tomorrow“-Kumpel Doug Liman, den Piloten Barry Seal, der zunächst für die CIA angeworben wird und schlussendlich als Drogendealer für das Medellin-Kartell arbeiten soll. Die Handlung erinnert in seiner Aufarbeitung zu sehr an den unterhaltsameren „Blow“ mit Johnny Depp, und Liman versucht mit allen Mitteln Schwung in die Geschichte zu bringen. Doch bei dem zweistündigen Aufstieg-und-Fall-Werk werden einfach zu viele bekannte Klischees abgehakt, als dass man stets aufmerksam bleiben würde.

Re-Visited
Im Rahmen der arte-Feier, wurde auch „Operazione paura“ (1966) geboten. Einer der wenigen Filme von Bava die ich mittlerweile bereits kenne. Der Ersteindruck (schöne Bildgestaltung, herzlich übertriebene Darbietungen, nicht sonderlich interessante Handlung) bliebe auch bei erneuter Sichtung bestehen.
Die Dokumentation „L’Enfer d’Henri-Georges Clouzot“ (2009) ist eine der spannendsten Arbeiten über unvollendete oder nie erschaffene Filmprojekte, die mir bekannt sind. Es ist ein fantastischer Blick in die Arbeit eines visionären Filmemachers, der ohne jede äußere Kontrolle ein Traumprojekt ruinierte und dabei auch ein wenig sich selbst.
Jim Carrey hätte bereits für „The Truman Show“ eine Oscar-Nominierung verdient gehabt, aber dass er für seine intensive Darstellung von Andy Kaufman in „Man on the Moon“ (1999) übergangen wurde, erschien damals schon wie eine Farce. Milos Formans Film lebt sehr stark von Carreys magnetischer Darbietung, doch auch sein Film selbst macht keine Kompromisse und zeigt alles was Kaufman ausmachte. Auch wenn die Gags und Performances von Kaufman nicht funktionierten, werden sie konsequent durchgezogen. Paul Giamatti glänzt als sein kreativer Partner Bob Zmuda und Danny DeVito ist als deren Agent das rationale Zentrum. Ein nicht immer einfacher, aber alleine aufgrund Carrey imposanter Film.
Passend zur Neuverfilmung von Kenneth Branagh, musste natürlich auch die Oscar-gekrönte erste Version von „Murder on the Orient Express“ (1974) von Sidney Lumet wieder gesichtet werden, und wie schon bei meiner ersten Sichtung vor ein paar Jahren, war es vor allem Albert Finneys gekonnt-gewitzte Darstellung von Hercule Poirot die faszinierte. Lumet blieb viel enger am Roman, denn Branagh, was aber noch mehr zu dem Gefühl, einem abgefilmten Theaterstück beizuwohnen führte, denn bei Branagh. Wie auch Branaghs Version, ist Lumet ein kompetent gemachter Krimi mit einem tollen Hauptdarsteller gelungen.
Der deutsche Western „Gold“ (2013) von Thomas Arslan hatte bereits vor ein paar Jahren einzig durch die Mitwirkung von Nina Hoss interessiert, und das änderte sich auch bei der wiederholten Sichtung nicht. Die klaustrophobisch inszenierte Western-Welt und das langsame Sterben aller Beteiligten, ist zwar gekonnt gemacht, doch wäre da nicht die großartige Nina Hoss, man wüsste nicht, weshalb man sich das ansehen soll.

Serien-Überblick
In persönlicher Rekordgeschwindigkeit raste ich durch die 5. Staffel (2009) von „Doctor Who“. Nachdem mir David Tennant derart ans Herz gewachsen war, war der Wechsel zum viel jüngeren und geradezu bübischen Matt Smith ein nicht sehr einfacher Schritt. Erleichtert wurde dies durch die bislang beste Companion: Amy Pond (Karen Gillan). Innerhalb weniger Szenen konnte sich Karen Gillan in mein Herz spielen und im Zusammenspiel mit dem neuen Doctor und ihrem Verlobten Rory (Arthur Darvill) ist sie einfach die reinste Freude. Zudem kommt eine qualitative Steigerung bei den Episoden, die auch noch mit großartigen Gaststars (Toby Jones! Bill Nighy! Michael Gambon!) glänzen können. Einzig der weihnachtliche Abschluss der Staffel überzeugte mich diesmal nicht sonderlich, doch die Vorfreude auf Staffel 6, ist immens.
Die kanadische Mini-Serie „Alias Grace“ (2017) nach einem Roman von Margaret Atwood, ist ein schönes Beispiel  dafür, dass es genügend interessante Filmemacherinnen gibt, diese allerdings viel zu selten eine Möglichkeit bekommen, ihre Arbeiten zu erschaffen. „American Psycho“-Regisseurin Mary Harron, die seitdem leider kaum in Erscheinung trat, und die für die Drehbücher verantwortliche Sarah Polley (beide produzierten auch), erzählen mit ein wenig zu viel Hang zur Melodramatik, von der verurteilten Doppelmörderin Grace Marks (Sarah Gadon), die in ihren Sitzungen mit dem Psychiater Dr. Jordan (Edward Holcroft) ihre Version ihrer Lebensgeschichte und wie sie im Gefängnis landete, erzählt. Dabei betont sie immer wieder, dass sie niemanden getötet habe, und Harron und Polley lassen die Grenzen zwischen Wahrheit und Dichtung schön verschwimmen. Am Ende ist trotz eines klärenden Finales immer noch nicht ganz klar, was nun wirklich passiert ist. Vor allem Sarah Gadon gibt eine tolle Darbietung als Grace Marks, und auch wenn die sechs Episoden für meinen Geschmack immer wieder zu sehr ins Melodramatische kippen, ist dies eine gelungene Mini-Serie.
Staffel 3 hat in den USA zu einer regelrechten „Rick and Morty“-Hysterie geführt. Gut, dann sehe ich mir eben noch einmal die ersten beiden Staffeln an, ehe ich mich auf die neuen Folgen stürze. Dabei hat sich bei der erneuten Sichtung von Staffel 1 (2013) ein interessanter Sinneswandel vollzogen. Wohl wissen, welch absurden Abenteuer auf mich warten, war ich nicht mehr von dem Wow-Faktor der ersten Staffel sowohl fasziniert als auch leicht abgestoßen (manche Episoden schienen rein den Wow-Effekt zu nutzen, aber nichts erzählen zu wollen), sondern konnte mich vollends in die kuriosen Handlungsstränge stürzen. Alleine der Wechsel unsere Helden in eine Parallelwelt, in der sie starben, und deren Plätze einnehmen, ist fantastisch und führt zu inspirierenden Momenten. All dies in einer Serie, die zunächst einmal nur wie eine abgedrehte und vulgäre Variation von „Back to the Future“ wirkt.

Das monatliche Update bietet einen knappen Überblick über alle Filme, die ich im Laufe eines Monats gesichtet habe. Darunter fallen Werke aus den hier publizierten Listen sowie Kino-Neustarts und Filme die ich nach längerer Zeit wieder einmal sichte. Im Update werden diese in verschiedene Kategorien unterteilt.

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2 Kommentare zu “Monatliches Update: November 2017

  1. „Jim and Andy“ fand ich auch sehr gut. Vor allem, da ich auch „Man On The Moon“ absolut fantastisch finde und die „Figur“ Andy Kaufman einfach höchstinteressant ist. Vor allem die aktuellen Statements von Carrey haben dem ganzen noch eine zusätzliche Ebene verliehen und ich habe mich die ganze Zeit gefragt, ob Carrey hier einfach nur eine weitere Rolle als er selbst spielt oder ob er wirklich glaubt, dass er damals Andy Kaufman war. Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo dazwischen.

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