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Nun ist es wirklich passiert. Erstmals seit ich diese Listen führe (seit August 2012), habe ich es ein ganzes Monat lang nicht ins Kino geschafft. Stattdessen gab es sehr viele DVD-Sichtungen und Netflix-Entdeckungen und natürlich wieder einige TV-Serien, wobei hier die Mini-Serie „Patrick Melrose“ (mit Benedict Cumberbatch) und die 2. Staffel von „The Handmaid’s Tale“ herausstachen.

Neuzugänge
Der für den Oscar nominierte Kurzfilm „La femme et le TGV“ (2016) spielt mit einer süßlich-herzlichen Atmosphäre und der unerfüllten Liebe und Sehnsucht einer einsamen Frau (Jane Birkin), die direkt an einer Bahnstrecke wohnt, und in Briefkontakt mit dem Lokführer des vorbei sausenden TGV trifft. Ein wenig zu leichtgewichtig für meinen Geschmack.
Jon Hamm hat seit „Mad Men“ kaum Gelegenheit gehabt, sein Können zu zeigen. In dem etwas vorhersehbaren und dadurch auch etwas Spannungsarmen Polit-Thriller „Beirut“ (2018) ist er fantastisch als einstiger Botschafter, der bei einer Geiselnahme wieder zurück in den Libanon gerufen wird. Doch sein Können wirkt ein wenig verschwendet, in einem Film, der provokant sein will und doch nur Allgemeinplätze zur Politik im Nahen Osten auszusagen hat.
Netflix und Science Fiction. Das funktioniert nicht so recht. Der AI-Thriller „Tau“ (2018) ist ein besonders misslungener Genre-Beitrag mit Gary Oldman als Stimme einer Künstlichen Intelligenz, die wie ein Kind erst langsam von der Welt lernt. Besonders in dem Setting, in dem eine Frau in die Fänge eines skrupellosen Wissenschafter gerät, der an merkwürdigen Experimenten forscht, wirkt dies eigenwillig. Die Vorhersehbarkeit der Handlung tut ihr Übriges.
John Travolta dachte, er wäre als Mafia-Boss John Gotti auf Oscar-Pfaden unterwegs, doch der Thriller „Gotti“ (2018) gehört zu den schlimmsten Gangster-Filmen der jüngeren Vergangenheit, und hat die merkwürdige Ehre, nach „Battlefield Earth“ als weiteres Travolta-Prestige-Projekt welches völlig in die Hose ging, zu zählen. Von der Musikauswahl, über die Make-Up-Inkonsistenz (Gotti Jr. altert zum Beispiel kaum oder nur unmerklich) bis hin zu sinnlosen Zeitsprüngen und überdrehtem Schauspiel, passt hier gar nichts zusammen.
Netflix und Macho-Dramen. Das funktioniert immer wieder ganz gut, vor allem da in Filmen wie „Calibre“ (2018) das Männlichkeits-Bild in Frage gestellt wird. Auf einem Jagd- und Landausflug in Schottland, gerät der Urlaub zweier Freunde schnell zum Albtraum, als sie unvorsichtig bei der Jagd agieren. Es ist zwar schnell klar, was und wie es passieren wird, doch die Konsequenzen und wie sie gezeigt werden, sind äußerst effektiv und im schottischen Highland-Setting noch dazu äußerst bedrückend inszeniert.
Der Name „Chappaquiddick“ (2017) erweckt in der US-Politik dunkle Erinnerungen an einen Unfall, den der einstige demokratische Hoffnungsträger Ted Kennedy hatte, und vor allem an das Nachspiel dessen. In John Currans betont seriösem und dadurch etwas zu blutleer inszeniertem Drama, ist Jason Clarke fantastisch besetzt als Kennedy, der das Erbe einer glorreichen Familie zu tragen hat, und vollenden soll was keiner der vorangegangenen Söhne schaffte: eine Präsidentschaft und Wiederwahl sowie das Land zu prägen. Dies alles gerät in den Hintergrund, als er einen Autounfall hat, bei dem eine Assistentin (Kate Mara) stirbt. Die Art und Weise, wie der Kennedy-Clan und seine Berater versuchen, das Unglück zu verschleiern, runterzuspielen und im Sinne einer Präsidentschaftskampagne zu verstecken, ist erschütternd in seinen realen Hintergründen. Doch Curran belässt es zu häufig bei bloßer Darstellung und liefert keinen Grund, weshalb heute ein Unfall in den 70er-Jahren von Bedeutung sein soll.
Lina Wertmüller schrieb mit „Pasqualino Settebellezze“ (1975) Filmgeschichte. Sie war die erste Regisseurin die für einen Best Director Oscar nominiert wurde, und ihr Hauptdarsteller Giancarlo Giannini war der erste italienisch-sprachige Darsteller, der eine Nominierung erhielt. Heute gilt er der Film (so wie im letzten Sight & Sound beschrieben) beinahe als vergessen, was wohl auch daran liegt, dass Wertmüller eine a-morale Geschichte erzählt, von einem grund-unsympathischen Mann (Giannini als von Ehr-Vorstellungen getriebener Strizzi), der im Namen der Familienehre furchtbare Taten begeht, und doch seine Schwestern herablassend behandelt. Die Geschichte von einem Muttersöhnchen, der im Zweiten Weltkrieg Kameraden verrät für seinen eigenen Vorteil. Es sind unbequeme Momente, die sie zeigt, und dies noch dazu mit kühler Distanz. Ein spannender, aber nicht sonderlich angenehm anzusehender Film.
Die Dardenne-Brüder kamen mit „Le Gamin au vélo“ (2011) ein wenig im Mainstream an. Dei Hauptdarstellerin Cecile de France war ihr Zugeständnis an den Kinomarkt, doch ihre Handlung um einen Jungen, seinen Wunsch seinen Vater zu sehen und sein stets präsentes Fahrrad, sind im Geiste klassische Dardenne-Handlungsfäden. Sie erzählen ein soziales Rührstück, in dem ein wenig die Brisanz fehlt.
Valeska Grisebach sorgte mit ihrem zweiten Spielfilm „Sehnsucht“ (2006) für Aufregung am Festival-Markt. Die Geschichte eines Feuerwehrmannes, der in einer Ehe mit seiner Jugendliebe steckt, und sich unversehens in einer leidenschaftlichen Affäre mit einer Kellnerin wieder findet, ist nüchtern erzählt, trotz all der aufgewühlten Gefühle. Darin liegt Grisebachs Stärke in diesem Film: Es bleibt alles übersichtlich und klar, und es finden auch keine melodramatischen Gefühlsausbrüche statt. Stattdessen zeigt sie in beinahe dokumentarischem Blick, das Dreiecksverhältnis. Das Kleinstadt-Setting und die beinahe emotionslosen Darsteller schläferten mich allerdings ein wenig ein, obwohl es hervorragend zur Erzählung passte.
Ebenfalls von Liebeswirren erzählt Eric Rohmer in „L’amour l’après-midi“ (1972). Frederic (Bernard Veley) führt ein glückliches, bürgerliches Leben, doch träumt er von Affären mit anderen Frauen, bis schließlich Chloé (Zouzou) in sein Leben tritt und ihn dazu zwingt, seine Ehe und seine Affäre unter einen Hut zu bringen. Rohmers Stil ist gänzlich anders als jener von Grisebach, doch erzählen sie im Grunde von demselben Dilemma, und überraschenderweise auch beide aus männlicher Sicht. Bei Rohmer erhält dies eine geradezu träumerische Note.
Joachim Triers US-Debüt „Louder than Bombs“ (2015) ist das ambitionierte Porträt einer Familie, die auch Jahre nach dem Unfall-Tod ihrer Mutter bzw. Ehefrau Isabelle (Isabelle Huppert) nicht mit den Folgen dieses Todes zurechtgekommen ist. Weder Ehemann/Vater Gene (Gabriel Byrne) noch seine beiden Söhne Conrad (Devin Druid) und Jonah (Jesse Eisenberg) sind wirklich darüber hinweg, und stürzen sich in Affären, Selbstzerfleischung und Isolation. Trier erzählt dies derart emotionslos und kalt, dass schnell das Interesse an dem Film erlahmt. Einzig Gabriel Byrne als Gene kann hin und wieder ein wenig Emotion ins Geschehen bringen, und David Strathairn als Isabelles Kollege ist ein willkommener Anblick.
Dank arte bin ich auf die Arbeiten von Lotte Reiniger gestoßen. Die deutsche Pionierin des Animationsfilms, erstellte – wie sie sie selbst nannte – Silhouhettenfilme, und diese wunderschön anzusehenden Werke wurden, zumindest zum Teil, ausgestrahlt. Ihr Spielfilm „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ (1926) ist ihr wohl bekanntestes Werk, welches bereits früh in ihrer Karriere, die ganze mögliche Bandbreite ihres Stils offen darlegt. Die Handlung ist ein wenig angestaubt und wirkt wie ein uraltes, illustriertes Märchen, doch die bunten Farben, die schön gestalteten Silhouetten und die ausufernde Handlung sorgen für viel Spaß. Ihre Kurzfilme „Carmen“ (1933), „Harlequin“ (1931) und „Papageno“ (1935) sind mal mehr und mal weniger erfolgreich, doch vor allem ihre Arbeit „Papageno“ ist eine sehr unterhaltsame Adaption von Motiven aus Mozarts Zauberflöte, und Reiniger macht die Geschichte von Papageno und Papagena ganz zu ihrer eigenen.
In der französischen Krimi-Komödie „Copie conforme“ (1947) ist Louis Jouvet als einfacher Mann, der eines Verbrechens beschuldigt wird, das er nicht begangen hat, zu sehen. Da er (sobald der Schnurrbart ab ist), einem Ganoven bis aufs Haar zu gleichen scheint, täuscht man seinen Tod vor und er wird zum „Schatten“ des Gangsters. Ein gut gelauntes Lustspiel mit einem tollen Hauptdarsteller, der mit seiner Spielfreude über die ansonsten sehr banale Handlung hinweg hilft.
Mika Kaurismäki, der große Bruder des ungleich bekannteren Aki, zeigt mit dem endlos langweiligen und äußerst uninspirierten „The Girl King“ (2015), weshalb er im Schatten seines Bruders steht. Eine belanglos wirkende Neuerzählung der Geschichte von Königin Christina, die im Vergleich mit der Version mit Greta Garbo, in allen Belangen regelrecht untergeht.
Mit großen Erwartungen legte ich die DVD für den heimischen Sci-Fi-Film „Stille Reserven“ (2016) ein, und Valentin Hitz und seinem Team ist es auch gelungen, die Wiener Stadtlandschaft wie eine dystopische Wüste aussehen zu lassen. Doch während die Optik passt, kommen leider auch Handlung und Charaktere so kalt und dröge daher, wie die ebenso kalte Stadt. Statt eines wild mit Genre-Versatzstücken experimentierenden Streifens (wie etwa Florian Flicker Low-Budget-Genre-Perle „Halbe Welt“) oder dem Versuch eines opulenten Märchens zu wagen (wie etwa bei „Ainoa“), versinkt „Stille Reserven“ im Möchtegern-Dystopie-Sumpf und bleibt hauptsächlich fad.
Der australische Western „Sweet Country“ (2017) von Warwick Thornton ist vor allem durch seinen Blick auf das Schicksal der Aborigines einen Blick wert. Der sich langsam entwickelnde Rache-Thriller, in dem die Ungerechtigkeiten der Landbesitzer gegenüber der indigenen Bevölkerung (die sie als rechtlose Sklaven missbrauchen) im Zentrum stehen, mag kein angenehmer Filmabend sein, doch Thornton lässt einen nur schwer los, nur um im Moment der falschen Sicherheit auch noch den letzten Stoß zu versetzen und sein Publikum zu packen.
Basierend auf der populären Spiele-Reihe, ist der Fan-Kurzfilm „Uncharted“ (2018) vor allem für jene Fans ein wahr gewordener Traum, die Nathan Fillion in der Rolle des Schatzsuchers Nathan Drake sehen wollen. Natürlich ist bei knapp 14 Minuten Laufzeit kaum mehr möglich, als eine größere Actionszene und um Fillion mit all seinem spitzbübischen Charme zu präsentieren. Das nicht vorhandene Budget wirkt sich dann auch auf die Action aus, doch abgesehen davon, ist es die beste Werbung, um Fillion statt Tom Holland in der kommenden Blockbuster-Produktion als Drake zu zeigen.
Der in drei Episoden unterteilte britische Gruselfilm „Ghost Stories“ (2017) von Jeremy Dyson und Andy Nyman, ist ein ambitioniertes Verwirrstück, das aber doch zugleich sehr schnell sehr deutlich klar macht, in welche Richtung es geht. Ein Ermittler, der paranormalen Humbug aufdecken will (Nyman), wird zu seiner Überraschung auf Fälle angesetzt, die sein Weltbild ins Wanken bringen. Es ist so vorhersehbar und wenig überraschend, wie auch die ersten beiden Episoden. Erst wenn Martin Freeman seinen ersten maliziösen Auftritt, in Fall Nummer 3, hat, beginnt sich plötzlich ein ebenso unterhaltsamer wie clever konstruierter Film herauszuschälen. Es braucht viel Geduld und guten Willen, aber dann belohnt „Ghost Stories“ sein Publikum.
Die Grundlage für Lisa Langseths „Euphoria“ (2017) ist sehr spannend. Zwei einander mehr durch passiv-aggressive Verhaltensweisen zugetane Schwestern (Alice Vikander und Eva Green) fahren in ein eigenartiges Ressort, in dem todkranke Menschen ihren Leben auf ihre Weise ein Ende setzen können. Langseth wird bei ihrer Inszenierung durch gute Darbietungen (Charlotte Rampling und Charles Dance veredeln noch das Geschehen) unterstützt, doch während der Film solide bleibt, konnte ich den Gedanken nicht verwerfen, was wohl passiert wäre, hätte jemand wie Giorgos Lanthimos oder Athina Rachel Tsangari hier inszeniert.
Jessica Chastain ist die perfekte Besetzung für eine eigenständige und auch eigensinnige Frau, die in einer Männer-dominierten Welt ihren Weg geht. Als Malerin Chaterine Weldon will sie in „Woman Walks Ahead“ (2017) den legendären Indianer-Häuptling Sitting Bull porträtieren. Doch dabei wird sie nicht nur vom US-Militär (Sam Rockwell glänzt hier) behindert, sondern findet sich plötzlich in der Frage indianischen Landbesitzes wieder. Susanna White inszeniert dies als Rettungsgeschichte, und noch dazu mit allzu viel Pathos. Schade, denn Chastain, Rockwell und auch Michael Greyeyes als Sitting Bull, bieten gute Leistungen.
Die Weltwirtschaftskrise hat in den USA vor allem eine Stadt zum Symbol des Niedergangs gemacht: Detroit. In ihrem Dokumentarfilm „Detropia“ (2012) zeigen Heidi Ewing und Rachel Grady, wie sich die, vor allem schwarze Bevölkerung, mit wirtschaftlichen Problemen, geschlossenen Werken und Bevölkerungsrückgang herum schlagen, während reiche europäische Touristen Elendstourismus betreiben.
Der spanische Thriller „La isla mínima“ (2014) ist das perfekte Beispiel für einen Genre-Beitrag, der seinen Plot im Grunde nur als Vorwand benutzt, um eine Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse herzustellen. In Alberto Rodríguez‘ Film ist die Suche nach zwei verschwundenen Mädchen ein Blick auf das Spanien nach dem Tod Francos, der nicht automatisch zu Demokratie geführt hat, sondern nur alte Verhältnisse im Untergrund versteckte. In Stil und Stimmung ähnelt „La isla mínima“ einerseits „True Detective“, andererseits der britischen Miniserie „Red Riding“ über den Yorkshire-Killer. Doch interessanter sind die gesellschaftspolitischen Deutungen, verbunden mit großartiger Kameraarbeit.
Willy Resetarits als sein Alter Ego Dr. Kurt Ostbahn inmitten eines sehr wienerischen Film Noir. „Blutrausch“ (1997) zog mich seit dem ersten Trailer auf kuriose Weise an, doch der nun endlich gesehene Film, ist eine einzige Enttäuschung. Die Handlung ist hanebüchen (was ohnehin wenig ausmacht) und die Charaktere sowie die dargestellte Szene sind schlecht ausgearbeitet. Die Idee, Kurt Ostbahn als Krimi-Anti-Helden zu zeigen, ist reizvoll, scheitert aber auf fast ganzer Linie.
Michael Caine gibt in „The Ipcress File“ (1965) sein Debüt als britischer Agent Harry Palmer. Der Quasi-Anti Bond war nicht nur Vorlage für Austin Powers, sondern könnte auch für Gary Oldman in „Tinker Tailor Soldier Spy“ Pate gestanden haben. In Sidney J. Furies Agententhriller wird mehr Wert auf die entzauberte Agenten-Welt gelegt, voller Anträge, Formulare und Termine. Weniger, und auch eher nebenbei, geht es um einen Doppel-Agenten, Gehirnwäsche und ein dramatisches Finale in dem ein extra-trocken aufspielender Michael Caine schließlich den Tag (wenn auch nicht die Welt) retten kann. Lakonisch und sarkastisch, und wie gemacht für Freunde von Agenten-Handlungen, die den Glitzer und Glamour von Bond oder Ethan Hunt nicht sehen wollen.
Netflix und Science Fiction. Das funktioniert nicht so recht. Was ich bei „Tau“ schon geschrieben habe, wiederhole ich deshalb in abgeschwächter Form bei „Extinction“ (2018) von Ben Young. Zwar hat Young in der Geschichte um die Invasion der Erde den einen guten Twist eingebaut, doch ist alles drum herum so langweilig und austauschbar inszeniert, dass nicht einmal Michael Pena und Lizzy Caplan das interessant gestalten können. Der Aufbau hin zu einer Fortsetzung wirkt am Ende etwas unfreiwillig komisch.
Bill Plympton ist eine Legende in der US-Animationsszene und sein Oscar-nominierter Kurzfilm „Guard Dog“ (2004) ist nicht nur mein erster Film von Plympton den ich zu sehen bekam, sondern wohl auch einer seiner typischsten, was Witz und Stil betrifft. Die Hintergründe des Verhaltens eines bellenden Hundes zu ergründen, schafft Plympton mit absurder Komik, doch mich konnte er nicht völlig begeistern. Womöglich war der Kurzfilm auch einfach zu kurz.

The 1001 Project
Henry Fonda in einem Film, in dem eine Gruppe wütender Männer über den Tod eines anderen Mannes „zu Gericht sitzt“? Klingt sehr nach „12 Angry Men“, aber dabei handelt es sich um den kaum bekannten, mit Fortdauer aber immer intensiver und beklemmender werdenden Western „The Ox-Bow Incident“ (1943). Der knapp 70 Minuten lange Film ist eine Anklage und zugleich ein Plädoyer. Aus der Jagd nach Cowboys, die angeblich in einen Mord verwickelt sind, wird unter William A. Wellmans Regie schnell eine Anklage gegen Lynchjustiz und ein Plädoyer für ordentliche Rechtssprechung. Wenn schlußendlich die Urteile vom Lynchmob gesprochen wurden, bleiben nicht nur die Charaktere mit ihrem Gewissen zurück, sondern auch der Zuseher, der hilflos dem Geschehen beiwohnte.
Angeblich galt Leo McCareys „Make Way for Tomorrow“ (1937) für das legendäre „Tokio Story“ und man kann in der Geschichte eines alten Ehepaares, welches sein Heim verliert und getrennt voneinander bei den Kindern lebt, sehr viel von Ozus Meisterwerk entdecken. Doch wenn ich Orson Welles‘ Lob, dass selbst Steine bei diesem Film weinen würden, für mich richtig deute, dann ist mir McCarey hier auch einfach eine Spur zu sentimental. Es ist in den stillen Momenten grandios und gehört zu den schönsten Momenten die man im Film finden kann, doch zugleich manipuliert er immer wieder sein Publikum und drückt dann doch unverhohlen auf die Tränendrüse. Ein Meisterwerk mit Tücken.
Das Ereignis in „Now, Voyager“ (1942) ist eine grandios aufspielende Bette Davis, die sich als hässliches Entlein gegen ihre dominante Mutter auflehnen und behaupten muss. Genau genommen handelt es sich hier auch nur um eine 1940er-Version von „She’s All That“, da Davis nur die Haare herablassen und die Brille absetzen muss, und schon laufen ihr die Männer hinterher. Simpel und ein wenig oberflächlich, aber zumindest ist Davis toll.
William Wylers ausufernde Adaption des Klassikers „Wuthering Heights“ (1939) zeigt Merle Oberon, David Niven und Lawrence Olivier in ganz großer Form, doch die Melodramatik der Handlung wurde für meinen Geschmack in Andrea Arnolds modernerer Adaption besser vermittelt, denn bei Wyler, der jedoch mit tollen Sets glänzen kann.
Der komödiantische Western „Destry Rides Again“ (1939) hat ein für mich leider unlösbares Problem. Die ersten 25 Minuten bestehen zu großen Teilen aus Saloon-Beobachtungen, Song-Darbietungen und harmlosen Alltagsszenen, die alle einen komödiantischen Effekt bieten. Mittendrin ist Marlene Dietrich zu finden, die sich dann in weiterer Folge eine Schlägerei mit einer anderen Frau liefert. James Stewart taucht nach etwa 20 Minuten auf und ist nach 25 Minuten als künftiger neuer Sheriff der Stadt etabliert. Das könnte alles auf 5 Minuten zusammengekürzt werden, doch an diesem Punkt bin ich bereits verloren. Der Rest des Films ist eine Aneinanderreihung komisch gemeinter Szenen, ohne großen Inhalt. Für mich ein Rätsel wie dieser albern-unterhaltsame Film in dieser Liste landen konnte.
Humphrey Bogart als Gangster mit einem Herz aus Gold, Ida Lupino als seine Komplizin und dazu ein Drehbuch von John Huston unter der Regie von Raoul Walsh (inklusive ein paar helfenden Dialogstützen durch Irving Rapper). 1941 ist „High Sierra“ ein feiner Gangsterfilm um den aus der Haft entlassenen Bankräuber Roy Earle (Bogart), der für seinen alten Boss in der Einöde ein Luxushotel ausnehmen soll. Natürlich geht alles nicht so glatt wie gewollt, und heute ist „High Sierra“ ein Klassiker und zudem der Film, der Bogart zum Star machte.
Carol Reeds Thriller „Odd Man Out“ (1947) handelt nur oberflächlich von einem missratenen Überfall, der einen verletzten Gangster (James Mason) zur Flucht durch die nächtlichen Straßen von Belfast treibt. Wer etwas genauer hinsieht, erkennt vor allem, wie Reed versucht, die Spannungen in der nordirischen Gesellschaft zu untersuchen, das Misstrauen gegenüber der als hauptsächlich britisch verstandenen Polizei und den Taten der IRA. Für meinen Geschmack versteckt Reed all diese Deutungen aber ein wenig zu gut unter einem sich langsam entwickelnden Thriller, der vor allem von der stoischen Performance Masons und der famosen Schwarzweiß-Kameraarbeit lebt.
Jean Cocteaus legendäre Version von „La belle et la bete“ (1946) fasziniert vor allem durch seine träumerische Inszenierung. Das Märchen wird bei Cocteau zu einem fiebrigen Traum, voller wunderschöner und auch beängstigender Ansichten. Dabei geht, für mich, ein wenig der Charme der Auseinandersetzung zwischen der Schönen (Josette Day) und dem Biest (Jean Marais) verloren, doch kann man sich dafür umso hemmungsloser in die Atmosphäre fallen und das Geschehen über sich fließen lassen.

Re-Visited
Leo McCarey gewann für „The Awful Truth“ (1937) einen Oscar für die beste Regie. Die Screwball-Comedy ist auch der Beweis dafür, wie geistreich romantische Komödien sein können. Irene Dunne und Cary Grant spielen das Ehepaar, welches aus falschen Verdächtigungen heraus, die Scheidung einreicht, nur um sich auf der Suche nach neuen Partnern gegenseitig zu sabotieren. Ein Film der in Kostümdesign, Setting, Schauspielstil und Regie geradezu exemplarisch für die 1930er-Jahre zu stehen scheint. Ein wunderbares Vergnügen durch und durch.
Einer der überraschenden langlebigen Blockbuster der letzten Jahre, ist das Meryl Streep Vehikel „The Devil Wears Prada“ (2006). Basierend auf dem Erfolgsroman, zeigt Streep eine Oscar-würdige Leistung als Chefin eines Modemagazins, welches extrem an Vogue und Anna Wintour angelehnt sind. Anne Hathaway ist als Assistentin der Anker für das Publikum und man bekommt nicht nur einen Einblick in die Mode-Welt, sondern auch der Medien-Industrie. Oberflächlich und darauf aus, seinem Publikum vor allem Lacher zu entlocken und doch extrem effektiv und getragen von drei tollen Darstellerinnen (Emily Blunt ist beinahe so gut wie Streep in ihrer kleinen Rolle).
Die Filme der Coen-Brüder zu reihen, ist völlig unmöglich. Ein Film löst den anderen in einer Rangliste ab, und aktuell ist es „Inside Llewyn Davis“ (2013), der nach einer erneuten Ansicht (und der gleichzeitigen Lektüre von Bob Dylans „Chronicles Vol. 1“) ganz weit oben in der Beliebtheitsskala rangiert. Der großteils ohne Plot vor sich hintreibende Film rund um den talentierten aber mit der Welt im Konflikt stehenden Folk-Sänger Llewyn (Oscar Isaac), ist voller wunderbarer Szenen, toller Songs und trotz des bitterbösen Humors und der winterlichen Atmosphäre auch voller Wärme. Dass Vertreter der Folk Szene den Film verrissen, mag auch mit einem entmystifizierten Blick auf die Menschen der New Yorker „Gaslight“-Szene zu tun haben, doch zeigen die Coen vor allem Sympathie für diese Charaktere und diese Welt, wenngleich sie sie nicht verklären.
Da man der alles erschlagenden und überaus positiven Werbung für den sechsten Teil der „Mission: Impossible“-Reihe nicht entkommen kann, war ich doch wieder mal dazu geneigt, mir nach knapp 15 Jahren einen neuen Blick auf die Action-Reihe von und mit Tom Cruise (er produziert diese ja auch gemeinsam mit Paula Wagner) zu werfen. Der erste Teil (1996) ist heute aufgrund der vielen veralteten technischen Details (Floppy Disks!) etwas angestaubt, und hat auch derart viele Fehler (Leerzeichen bei mail-Adressen!) aufzuweisen, dass es vor allem De Palmas eleganter Regie zuzuschreiben ist, dass man sich heute noch an diesen Teil erinnert. Vor allem die mittlerweile legendäre Einbruchsszene sticht natürlich heraus. Ein gut gemachter Spionage-Thriller, gut besetzt, ein wenig zu kompliziert erzählt, aber dennoch sehr unterhaltsam.

Serien-Überblick
Es wirkte beinahe so, als ob Benedict Cumberbatch durch seine Arbeit an den Marvel-Filmen geradezu verschluckt worden wäre. Doch dann taucht er mit der fünfteiligen Mini-Serie „Patrick Melrose“ (2018) unerwartet wieder auf und ist so gut wie eh und je. Der Tod seines Vaters, treibt den hochnäsigen Patrick (Cumberbatch) nicht nur immer tiefer in eine destruktive Drogensucht hinein, sondern auch in seine Vergangenheit und seine Ängste dieser in der Gegenwart wieder zu begegnen. Cumberbatch ist in der Darstellung des von Drogen ausgeknockten Schnösels ebenso famos, wie als von Wut und Verzweiflung getriebener Familienvater, der fürchtet, die Untaten seines Vaters erneut zu begehen. Hugo Weaving als sein Vater und Jennifer Jason Leigh als seine Mutter sind weitere Highlights im Ensemble, während Edward Bergers Regie das eine oder andere Mal die Erzählung ein wenig zu sehr dehnt, um auf Teufel komm raus, jede Folge auf eine Stunde zu ziehen.
Staffel 2 (2018) der überaus erfolgreichen Dystopie „The Handmaid’s Tale“ hat vor allem einen erweiterten Blick auf Gilead und die Exilanten-Community in Kanada zu bieten. Die im Vergleich zur 1. Staffel um drei Episoden erweiterte 2. Staffel, zeigt auch einige Einblicke in die Entstehung von Gilead und welche Opfer aber auch Untaten die neuen Herrscher bereit waren zu begehen. Elisabeth Moss beherrscht natürlich wieder die Staffel und es gibt mit ihr etliche großartige Episoden, auch wenn die längere Staffel zu der einen oder anderen Episode führt, in der man das Gefühl nicht los wird, schlicht einem Team mit mehr Budget bei der Arbeit zuzusehen, statt einer fortschreitenden Handlung. Auch entkommen die Macher einigen Klischee-Instinkten nicht, wie zum Beispiel den letzten Szenen der Staffel, die das ganze Geschehen leicht ins Superhelden-hafte drehen. So toll und relevant die Serie natürlich ist, so sehr bleibt zu hoffen, dass in der 3. Staffel derartige Instinkte eher unterdrückt werden können.
Die französische Miniserie „La Foret“ (2017) wirkt wie ein Prototyp der aktuell auf Netflix populären Serien. Eine Kleinstadt, ein dunkler Wald, verschwundene Kinder und eine Gemeinde mit vielen Geheimnissen. Dass es – bis auf die ein wenig unsinnigen Auflösungen in den letzten beiden Folgen – sich dabei um eine unterhaltsame und auch spannende Mysteryserie handelt, die am Ende dann den ganzen Mystery-Teil irgendwie vergisst, ist eine kleine Überraschung.
Mit der Adaption des indischen Mammut-Romans „Sacred Games“ startet Netflix seine Indien-Offensive. Staffel 1 (2018) der Gangster- und Terror-Saga konzentriert sich auf die Suche des Polizisten Sartaj Singh (Saif Ali Khan) nach dem Gangsterboss Gaitonde (Nawazuddin Siddiqui) und zugleich um einen angekündigten Terror-Anschlag zu verhindern. „Sacred Games“ ist dann am besten, wenn die historischen Hintergründe für den Aufstieg Gaitondes zum „Paten von Mumbai“ (so der deutsche Titel) erzählt werden. Der verworrene Terror-Plot mit seinen religiösen Unterfütterungen (Hindus vs. Moslems) ergibt erst dann Sinn, wenn man die rivalisierenden Gläubigen und die Gangster die sie schützen und rächen sieht, und wie sie langsam die Gewaltspirale in Gang setzen. Der Cliffhanger ist sehr klug gewählt und die Vorfreude auf Staffel 2, in der wohl noch mehr auf die Terrorhandlung eingegangen wird, ist groß.

Das monatliche Update bietet einen knappen Überblick über alle Filme, die ich im Laufe eines Monats gesichtet habe. Darunter fallen Werke aus den hier publizierten Listen sowie Kino-Neustarts und Filme die ich nach längerer Zeit wieder einmal sichte. Im Update werden diese in verschiedene Kategorien unterteilt.

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