Home

Das Jahr geht zu Ende und die Qualität der Filme wird immer besser, dabei macht es kaum einen Unterschied ob die Filme auf der Viennale, beim regulären Kinostart oder per Netflix gesichtet werden konnten. Highlights wie „Museo“, „The Ballad of Buster Scruggs“, „The Other Side of the Wind“ und „First Man“ prägten das Monat. Ein wenig lässt mein „1001 Movies“-Marathon wieder nach, doch bis zum Jahresende sollen noch eine Handvoll Werke gesehen werden.

Neuzugänge
Auf der Viennale gab es in diesem Jahr mehrere Filme für mich zu sehen, darunter etwa das Spielfilmdebüt von Autor/Regisseur und Hauptdarsteller Jim Cummings. „Thunder Road“ (2018) ist ein sehr humorvoller und unterhaltsamer Blick auf einen jungen Polizisten (Cummings), der in einer texanischen Stadt mit dem Verlust seiner Mutter und einer Scheidung zurecht kommen muss. Was mit einer reichlich bizarren und für den Zuseher immer lustiger werdenden Beerdigung startet, wird im Fortlauf zu einer Analyse männlichen Selbstverständnisses. Ausgerechnet ein Polizist, so mag man denken, wird hier von Cumming abwechselnd pseudo-autoritär, weinerlich und hilflos dargestellt. Das Selbstbild von Jimmy Arnaud (Cummings) zerbricht immer wieder an den Realitäten des Lebens. Das Bild des harten Polizisten zerbröselt unter den persönlichen Katastrophen. Manche Längen lassen sich aufgrund dessen auch aushalten.
Rick Alverson zeigt mit „The Mountain“ (2018) einen Blick auf die psychiatrische Praxis in den USA der 1950er, oder so. Ehrlicherweise ist dieser träge, selbstverliebte und kaum auszuhaltende Film vor allem eine Ansicht von bekannten Schauspielern, die entweder furchtbar (Tye Sheridan) aufspielen, oder einen eigenen und besseren Film verdient hätten (Jeff Goldblum, Denis Lavant). Sherdian spielt einen jungen Mann, der nach dem Tod seines Vaters (Udo Kier) bei Dr. Fiennes (Goldblum) unterkommt, und für ihn Fotos von dessen Lobotomie-Behandlungen macht. Sheridan hätte wohl langsam aufstauende Wut übermitteln sollen, die sich dann am Ende Bahn schlägt. Stattdessen spielt er einen katatonischen Menschen, der aus dem Nichts wütend wird, nur um wieder katatonisch zu werden. Goldblum spielt einen Frauenverzehrenden Alkoholiker, was ein interessanterer Film geworden wäre. Stattdessen langweilt Alverson mit ach so intelligenten Beobachtungen, ohne etwas zu sagen. Immerhin ist die Kameraarbeit ansehnlich.
Die mexikanische Krimi-Komödie „Museo“ (2018) von Alonso Ruizpalacios zählt zu den angenehmen Überraschungen des Filmjahres. Mein letzter Film bei der diesjährigen Viennale zeigt einen clever gemachten Film um zwei Freunde (Gael Garcia Bernal und Leonardo Ortizgris), die aus einer Mischung aus Langeweile und Geldgier das anthropologische Museum ausrauben. Doch die kostbaren historischen Artefakte zu verkaufen, gestaltet sich als viel schwieriger denn gedacht. Ruizpalacios dehnt so manche Szene einen Tick zu sehr, um einen gesellschaftspolitischen Kommentar unterzubringen, doch bleiben Unterhaltungswert und Spaß nie auf der Strecke. Vor allem wenn noch dazu Simon Russell Beale in einem famosen Gastauftritt als Kunsthändler den beiden Möchtegern-Gangstern ihre missliche Lage auf den Punkt hin analysiert.
Nach ihrem gemeinsamen Triumph mit „La La Land“ versuchen sich Damien Chazelle und Hauptdarsteller Ryan Gosling mit „First Man“ (2018) an einer Nacherzählung der ersten Mondlandung und welche Strapazen Neil Armstrong und seine Kollegen auf sich nehmen mussten. Chazelle imponiert mit einem teilweise klaustrophobisch wirkenden Inszenierungsstil, in dem die Enge der Raumkapseln auch mit der emotionalen Enge und Unzugänglichkeit Armstrongs korrelieren. Nur seine Frau Janet (toll: Claire Foy) scheint so etwas wie bürgerliche Normalität erschaffen zu können, doch auch sie muss die vielen emotionalen Opfer mittragen. Technisch großartig, und emotional etwa so unterkühlt wie Goslings Armstrong. Ein Film der schön den Platz zwischen dem heroisch-erbaulichem „Apollo 13“ und dem wild-episch-kantigem „The Right Stuff“ besetzt.
Eine Weile sah es so aus, als würde es niemals einen Film zu Freddie Mercury geben, doch dann kam Bryan Singer und begann mit den Dreharbeiten zu „Bohemian Rhapsody“ (2018), von denen er nach etlichen „Hinter-den-Kulissen“-Dramen entfernt wurde, und schließlich vollendete ohne Regie-Credit Dexter Fletcher das Prestige-Projekt. Gezeigt wird das Leben von Freddie Mercury (großartig: Rami Malek) als eine Abfolge klischeebeladener Musiker-Dramen, rund um den Aufstieg von Queen und seinen persönlichen privaten Fall und Wiederaufstieg vor seinem Tod. Während die Darsteller alle gute Leistungen abliefern, ist das Biopic so vorhersehbar und klischeebeladen, wie nur eben möglich, und folgt dabei auch einer sehr einfachen schwarz-weißen Dramaturgie. Während die Songs und Malek hervorstechen, bleibt der Film geradezu aufreizend banal.

Die Arbeiten des britischen Filmemachers Anthony Asquith werden vor allem von britischen Filmfans geradezu verehrt. Seine im Filmmilieu angesiedelte Eifersuchtsgeschichte „Shooting Stars“ (1928) ist ein sehr bissiger Kommentar zur Filmproduktion und zugleich ein Beziehungsdrama mit fatalen Folgen. Der restaurierte Stummfilm sieht blendend aus, kann mit toller Dramaturgie und feiner Filmmusik punkten. An der einen oder anderen Stelle wirkt das Schauspiel dann aber doch selbst für damalige Verhältnisse etwas antiquiert.
Der neunstündige Dokumentarfilm „Tiexi qu“ (2002) von Wang Bing zeigt in drei Teilen den langsamen Verfall von Tiexi, einem industriellen Bezirk, der mit dem Aufkommen des freien Marktes langsam aber beständig an Bedeutung verliert. Wang Bing zeigt die schließenden Fabriken, die in die Arbeitslosigkeit gedrängten Menschen, die auch mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen haben und vor allem eine fremd wirkende, von alten Fabriken geprägte Welt.
Nach seinem Erfolg mit „Hell or High Water“ hat David Mackenzie die Möglichkeit bekommen, eines seiner Traumprojekte zu erstellen. Für Netflix wurde mit „Outlaw King“ (2018) die Geschichte des kontrovers diskutierten Robert Bruce (Chris Pine) aufgerollt, der nach dem Tod von William Wallace die Schotten in die Unabhängigkeit führen wollte. Kontrovers ist Bruce vor allem, da seine Heldensaga mit einem Mord an einem heiligen Ort beginnt, doch Mackenzie sorgt dafür, dass all seine Charaktere niemals gebrochen werden. Sein König ist edel und gut (selbst im Moment des Mordes), sein englischer Widersacher eine psychopathische Karikatur und Bruces bester Ritter (Aaron-Taylor Johnson) ein Action-Comic-Relief. Selbst Florence Pugh hat wenig mehr zu tun, als eine Mittelalter-Lady-Di zu spielen. Wirklich punkten kann „Outlaw King“ mit seinem tollen Erzählrhythmus und dem schön in Szene gesetzten schottischen Setting. Ein solider Ritterfilm, der leider unter zu platten Charakteren leidet.
Don Coscarelli war mir zunächst vor allem als Macher des Bruce Campbell-Vehikels „Bubba ho-tep“ aufgefallen, doch seinen Durchbruch hatte er mit dem psychodelischen „Phantasm“ (1979) in dem er den Tall Man in die Filmwelt einführte. Angus Scrimm ist in der Rolle großartig und Coscarellis einfallsreiches Albtraum-Reich macht Spaß beim Zusehen, doch sind die anderen Darsteller des Ensembles weniger beeindruckend und die Handlung ist kaum vorhanden.
Es ist Netflix im Endeffekt zu verdanken, dass sie Orson Welles‘ in den 1970er-Jahren gedrehten, aber – wie bei Welles geradezu üblich – in juristischen und finanziellen Schwierigkeiten festhängenden schlussendlich zur Finalisierung brachten. „The Other Side of the Wind“ (2018, sic!) ist ein ebenso wilder, wie auch satirischer Film rund um das Filmemachen und das Hollywood der 1970er, in denen der legendäre Regisseur Jake Hannaford (John Huston als Mischung aus Ernest Hemingway und Welles) sich mit den jüngsten und angesagtesten Darlings der Szene umgibt, um bei einer Party Geld für seinen neuesten Film „The Other Side of the Wind“ aufzutreiben, der in Produktionsschwierigkeiten feststeckt. Es ist natürlich geradezu eine Ironie der Geschichte, dass der immer wieder von finanziellen Problemen gebeutelte Welles auch bei seinem autobiografisch gefärbtem Film am Ende dasselbe Dilemma wie Hannaford (und natürlich Welles selbst sein Leben lang) erleiden musste. Es ist auch noch dazu Welles‘ experimentellster Film (zumindest den ich gesehen habe), und eine sehr lohnende, wenngleich auch anstrengende Erfahrung. Ein Meister des Fachs, der ein wenig den europäische Autorenfilm veralbert (vor allem Antonioni) und dem System Hollywood den Mittelfinger zeigt und doch von ihm wieder aufgenommen werden will.
Die dazu passende Dokumentation „They’ll Love Me When I’m Dead“ (2018) von Morgan Neville ist der interessante Versuch, all die Hintergründe aufzuarbeiten, die „The Other Side of the Wind“ in den knapp 40 Jahren seit den Dreharbeiten umgeben. Sowohl Welles‘ Leben, als auch die Dreharbeiten und das Post-Produktions-Drama werden aufgerollt, in amüsanter und unterhaltsamer Art und Weise. So sehr hat sich durch jüngere Dokumente das Bild von Welles gewandelt, dass man mittlerweile nicht mehr überrascht ist, einen jovial agierenden und herzlich lachenden Mann zu sehen. Fernab der früher gepflegten Legende, des grummeligen Visionärs, der er offenbar sehr wohl ja auch war.
Die Coen-Brüder überraschten mit „The Ballad of Buster Scruggs“ (2018) gleich mehrmals. Zunächst, als sie ankündigten, eine 6-teilige Anthologie-Serie für Netflix zu erstellen, und dann, als sie diese Serie als Spielfilm bei den Festspielen in Venedig präsentierten. Schlussendlich überrascht das Brüder-Paar das Publikum, indem es einen „kleinen“ Film in ihrem Oeuvre präsentiert, der durch seine Anthologie-Struktur die wunderbare Möglichkeit bietet, die kleinen und abgeschlossenen Geschichten ohne großen Handlungsbogen zu einem großen und vor allem ganzen Porträt des Wilden Westens zu verbinden. Ihre Geschichten, beginnend mit dem gesuchten singenden Mörder Buster Scruggs (Tim Blake Nelson), sind voller bitterbösem Humor und blutigen Pointen, ganz so, wie man es von ihnen kennt. Und doch bleiben viele stille Momente (etwa in der Episode mit Zoe Kazan) und traurige Einblicke in eine hartes und erbarmungsloses Leben. Dass am Ende noch Zeit für Edgar-Allen-Poe-artigen Grusel der makabren Sorte bleibt, ist ein fantastischer Abschluss eines sehr unterhaltsamen Films, der vielleicht nur darunter leidet, dass man von den Coens nun einmal bereits schon so viele gute Filme zu sehen bekam.
Die französische Schauspielerin Melanié Laurent hat sich in den letzten Jahren auch langsam einen Namen als Regisseurin gemacht. Ihr dunkler, schmutziger und auch bedrückender Thriller „Galveston“ (2018) zeigt vor allem Ben Foster und Elle Fanning in Topform. Grundsätzlich bedient Laurent bei ihrer Roman-Adaption eine typische Thriller-Struktur, mit einem Gangster auf der Flucht, dem ein düsteres Ende bevorsteht, doch ihr geht es mehr um das Innenleben ihrer beiden Protagonisten. Schade, dass dies aber eher belanglos vorbeizieht, trotz des engagierten Spiels.
Immer wieder taucht „Nadja“ (1994) von Michael Almereyda unter den besten und interessantesten Vampir-Filmen aller Zeiten auf, doch kaum hat man die ersten zehn Minuten hinter sich, möchte man ein wenig verzweifelt die Hände vor dem Gesicht zusammenschlagen. Es ist proto-typischer 90er-Jahre-Hipster-Schick. Das Spiel mit dem Filmmaterial, den Perspektiven und den post-modernen Charakteren (Peter Fonda sticht als Van Helsing heraus, während Elina Löwensohn als titelgebende Nadja kaum Eindruck hinterlässt) ist theoretisch sehr spannend, doch wer wirklich sehen will, wie das funktioniert, soll sich besser Abel Ferraras um Welten besseres „The Addiction“ ansehen.
Das HBO-Biopic „My Dinner with Hervé“ (2018) von Sacha Gervasi, war ein Herzensprojekt von Gervasi (der Hervé Villechaize kurz vor dessen Tod interviewte) und Hauptdarsteller Peter Dinklage. Dinklage kann die letzten Tage eines der berühmtesten aber auch tragischsten kleinwüchsigen Schauspieler der Welt ins Licht rücken, und dabei zugleich seine eigene Bandbreite zeigen. An seiner Seite kann auch Jamie Dornan, als britischer Journalist, zeigen, was in ihm steckt. Es ist ein großartiges Tandem, während prominente Akteure wie David Straitharn, Andy Garcia oder Oona Chaplin noch ein wenig von ihrem Glanz dem Film weiter geben. Doch Gervasi verharrt zu sehr in altbekannten Biopic-Klischees, und so bleibt hauptsächlich das tolle Schauspiel im Kopf, und ein wenig neu gefundenes Interesse an einem Darsteller, der gegen Ende seines Lebens in Vergessenheit geraten war.
Im Thriller „Cam“ (2018) wird das Publikum von Beginn weg in die Webcam-Welt geworfen. Unter dem Namen Lola (Madeline Brewer) versucht Alice die Top 50 zu knacken, und setzt dabei auf Schockeffekte und Kundenbetreuung. Es ist genau diese Detailversessenheit im Drehbuch von Isa Mazzei, die selbst in der Branche gearbeitet hat, die aus dem sehr an „Black Mirror“ erinnernden Thriller, einen unterhaltsamen und auch spannenden Film macht. Denn in dem Moment in dem Lola entdeckt, dass offenbar ihre Identität und ihr Gesicht gestohlen wurden, wird aus einem sehr an der Lebensrealität der Webcam-Arbeiterinnen, ein mysteriöser und spannender Film.
Ein Teenager beginnt strikt nach der Bibel zu leben und in seiner Schule zu missionieren. „(M)uchenik“ (2016) von Kirill Serebrennikov ist nicht nur ein Film über einen in den religiösen Fanatismus abgleitenden Menschen, sondern auch wie sich dessen schulisches Umfeld von dessen Wahn in die Defensive drängen lässt und langsam seine Freiheiten aufgibt. Dass es sich dabei um eine nur leidlich verkleidete Metapher auf Putins Russland handelt, ist lobenswert, aber dass der Film eine leider viel zu vorhersehbare Entwicklung nimmt, schwächt wieder den an sich komplexen Ansatz.
Mit großen Erwartungen hatte ich Lenny Abrahamsons „The Little Stranger“ (2018) erwartet. Ein im Nachkriegs-England angesiedelter Mysteryfilm, rund um einen Arzt (Domhnall Gleeson), der das Landhaus der Familie Ayres besucht, um herauszufinden, ob dieses von einer übernatürlichen Macht heimgesucht wird. So zumindest die Inhaltsangabe. Abrahamson nimmt sich viel Zeit für Setdesign und Kostüme, doch die Handlung und die Charaktere bleiben völlig undurchschaubar und uninteressant.
Der stets aktive Francois Ozon konnte mit seinem Lubitsch-Remake „Frantz“ (2016) wieder einmal für internationales Aufsehen sorgen. Nach dem Ende des 1. Weltkrieges findet sich der Franzose Adrian (Pierre Niney) in einer deutschen Stadt am Grab eines gefallenen Soldaten ein. Die Witwe des Gefallenen (Paula Beer) und der junge Franzose kommen einander nach anfänglicher Skepsis näher. Ozon zeigt eine Gesellschaft, die noch die frischen Wunden des Krieges verarbeitet und wo die pure Anwesenheit eines Mannes einer vor kurzem noch verfeindeten Nation als Provokation empfunden wird, und eine Freundschaft mit ebendiesem als Landesverrat. Ozon zeigt dies in wunderschönen Schwarzweiß-Bildern, manchmal durchbrochen durch ebenso schöne Farbaufnahmen, getragen von tollen Darstellern (allen voran Paula Beer) und durchzogen von einer zutiefst humanistischen Botschaft. Trotz der einen oder anderen Länge, oder zu offensichtlichen Entwicklung im Plot, ein äußerst sehenswerter Film.
Edward Yang konnte mit seinem vier Stunden langen Monumental-Werk „Gu ling jie shao nian sha ren shi jian“ (1991) die internationale Kritik begeistern und landete auch auf der Top 100-Liste in der BFI Sight & Sound-Umfrage. Während ich aber bei dem nicht minder umfassenden „Yi Yi“ mit Interesse den Wirren der dargestellten Familie zusah, erschlug mich Yang hier mit der puren Menge an Geschichten und Charakteren, die er hier erzählten wollte. Ein Film über Taiwan, wie auch über seine eigene Biografie, aber merkwürdigerweise konnte ich damit weniger anfangen.
Es ist schon wieder länger her, dass ich Filme mit Ann Dvorak gesehen habe, doch jetzt ist es wieder mal Zeit und der von Mervyn LeRoy gedrehte Thriller „Heat Lightning“ (1934) bietet genaue den richtigen Wiedereinstieg in die Arbeit von Dvorak. Hier agiert sie als Schwester von Aline MacMahon, die gemeinsam eine Tankstelle im Nirgendwo führen. Doch während Myra (Dvorak) von Freiheit und Abenteuer träumt, trifft genau dieses bei ihnen ein, als zwei aus dem Gefängnis entflohene Mörder die Tankstelle heimsuchen. Ein kleiner aber effektiver Thriller, in dem Dvorak solide agiert, von MacMahon, die auch die interessantere Rolle hat, ein wenig in den Schatten gestellt wird. Im Oeuvre von Mervyn LeRoy auch eher eine Fußnote.
Basierend auf einem Erfolgsroman zeigt „Disobedience“ (2017) die Rückkehr von Ronit (Rachel Weisz) aus New York nach England, anlässlich der Beerdigung ihres Vaters. Die Besonderheit hier ist, dass Ronit aus einer tief konservativen jüdischen Gemeinde stammt, und bei ihrer Rückkehr auf ihre einstigen Jugendfreunde Dovid (Alessandro Nivola), der nun Rabbi ist, und Esti (Rachel McAdams), die ihn geheiratet hat, trifft. Der geradezu rebellisch freie Lebensentwurf von Ronit und auch ihre Sexualität, verunsichern ihr Umfeld, und Sebastián Lelio zeigt wie alte Geheimnisse und Konflikte wieder aufbrechen und die Leben der drei einstigen Freunde durcheinander wirbeln. Ein komplexer und intelligenter Film, mit großartigen Darstellern.
Die Adaption des Nick-Hornby-Romans „Juliet, Naked“ (2018) lebt hauptsächlich von den tollen Hauptdarstellern Ethan Hawke (als abgehalfterter Sänger), Rose Byrne und Chris O’Dowd (die ein unglückliches Paar sind). Die Handlung ist prototypischer Hornby, mit einem Musik-Nerd (O’Dowd) dessen Leben an ihm vorbei zieht, während er sich in eine geradezu lachhafte Obsession gestürzt hat, sowie einem Künstler, dessen Werk von ihm selbst gar nicht so geschätzt wird und der Frau mittendrin, die diesen erwachsenen Kindern gegenüber steht. Doch während die Handlung eher gemächlich und unverbindlich an einem vorbei plätschert, sind es die gut aufgelegten Darsteller, die das Geschehen sehenswert gestalten.

The 1001 Project
Der Film Noir „Gun Crazy“ (1950) hat nicht nur Jean-Luc Godard begeistert. Heute zählt der Thriller um ein Paar, welches quer durchs Land auf Raubzüge geht, als Kultfilm unter den großen Klassikern dieses Genres. Es ist auch schnell zu sehen warum. Die Femme Fatale, die ihren Freund zu Raubzügen überredet, die harten Actionszenen, die mitleidlose Handlung, welche flott vorangetrieben wird. Merkwürdigerweise konnte ich mich aber länger nicht darauf einstellen. Die gesamte erste halbe Stunde wartete ich darauf, diesen Charakteren folgen zu wollen. Am Ende folgte ich vor allem dem Ruf des Films und weniger den Protagonisten.
James Cagney mag für seine Gangsterrollen berühmt sein, doch seinen einzigen Oscar gewann er für seine Darstellung des Songwriters George M. Cohan in „Yankee Doodle Dandy“ (1942). Warum das von Michael Curtiz als erbaulich-patriotischer Aufruf an die Nation (mitten im Zweiten Weltkrieg) heute noch als Pflichtfilm gilt, kann ich nicht beantworten. Der im Film dargestellte Cohan ist gänzlich ohne Konflikte und ohne Kanten. Sein Leben ist eine Abfolge von unterhaltsamen Ereignissen, die schließlich in patriotischen Gesängen (etwa „Over There“) an die Truppen im Ersten Weltkrieg und am Ende in einen Besuch bei Präsident Roosevelt münden. Cagney ist fantastisch und der einzige Grund sich das recht anonym wirkende Biopic anzusehen.
Ein anderer im Zweiten Weltkrieg entstandener Film, ist der drei Stunden lange Fiebertraum „Les Enfants du Paradis“ (1945). Der von Marcel Carné während der deutschen Besatzung entstandene poetische Film, ist weniger ein streng zusammenhängender Streifen um die schöne Garance (Arletty) und die vier um sie werbenden Männer, sondern eine Ansicht künstlerischen Ausdrucks und des Lebens in diesem Milieu im Paris des 18. Jahrhunderts. Ein Werk in das man immer eintaucht und hervorschwappt und sich mit Begeisterung gefangen halten lässt.
Jean Renoirs „La Grande Illusion“ (1937) gehört zu den ganz großen Werken des Weltkinos. Eine Anti-Kriegsparabel um ein deutsches Gefangenenlager im Ersten Weltkrieg, bewohnt von französischen Offizieren und Soldaten, geleitet von einem deutschen Offizier (großartig: Erich von Stroheim). Renoir zeigt vor allem, dass sich selbst hinter den Lagermauern, die gesellschaftliche Ordnung durchsetzt. Adelige bleiben unter sich, während einfache Arbeiter niedere Arbeiten zu vollführen haben. Am Ende ist es aber ein Lager im Krieg und so ist das Ende dieses Lebens dort eine bittere Auflösung einer Fantasie.
Nach der 1950er-Version von „Narayama bushiko“ war es natürlich auch an der Zeit, sich die hoch gelobte Version von Shohei Imamura aus 1983 anzusehen. Doch während ich bei der ersten Version zwar meine Probleme mit den Kabuki-Einflüssen hatte, blieb mir diese auch stark im Gedächtnis, während ich bei Imamura den naturalistischen Ansatz schätzte, doch die Umsetzung relativ uninteressant fand.
Der japanische Klassiker „Sansho dayu“ (1954) lässt Erinnerungen an Akira Kurosawa aufkommen, wobei der nicht weniger großartige aber hierzulande weniger bekannte Kenji Mizoguchi einen pechschwarzen Film über das Mittelalter Japans und das Auseinanderreißen einer edlen Familie zeigt. Wie sich diese Familie unter grausamer Mühsal langsam wieder findet, zeigt Mizoguchi ungekünstelt. Ein nicht immer leichter aber sehr intensiver Film.
Der große Carl Theodor Dreyer zeigte mit seinem letzten Film „Gertrud“ (1964) erneut seine Klasse. In wenigen klaren Einstellungen zeigt er wie Gertrud (Nina Pens Rode) sich zwischen ihrem Ehemann und zwei Liebhabern entscheiden will, doch ihre idealistische Vorstellung von Liebe sie schließlich von allen drei Männern wegtreibt. Dreyer hat das Ursprungsstück von seinen frauenfeindlichen Aspekten befreit (wie man nachlesen kann) und zeigt eine starke und eigenständige Frau, doch macht er dies in solch eintönigen Einstellungen, dass ich mich kaum dafür interessieren konnte.
Sergei Parajanov überraschte mich mit dem träumerischen und poetischen „Sayat Nova“ (1969), in dem er die Arbeit des armenischen Dichters Sayat Nova (der im 18. Jahrhundert lebte) zu einem bildgewaltigen Essayfilm verdichtet. Welche Symbole welche Bedeutung haben, ist mir nicht immer klar, doch rollt diese Arbeit über einen hinweg und hinterlässt einen tiefen Eindruck.
Die große Überraschung des Baseball-Melodrams „The Natural“ (1984) war die Erkenntnis, dass mir Zitate und Parodien auf diesen Film in unzähligen Formen bereits bekannt waren. Sei es die exzellente Musik von Randy Newman, die Herstellung des Wunderschlägers oder die effektive Inszenierung des finalen Homeruns. Barry Levinson zieht alle Register, doch sind die Charaktere viel zu flach und die Dramaturgie geradezu parodistisch offensichtlich. Ein in Sepia-Tönen gehaltenes Nostalgie-Spektakel, welches großteils doch nur langweilt.

Re-Visited
Anlässlich des Kinostarts des zweiten Teils der „Fantastic Beasts“-Saga, war wieder einmal Zeit, um dem ersten Teil „Fantastic Beasts and Where to Finde Them“ (2016) eine Chance zu geben. Doch während mich die erste Hälfte noch etwas besser unterhalten konnte, denn bei der ersten Ansicht, so zerbricht die lose Handlungsstruktur im zweiten Teil unter einer Vielzahl an aufgebauten Konflikten und Charakteren, die keinerlei Spuren hinterlassen. Der interessanteste Aspekt ist noch Dan Fogler als ungewollt in die magischen Wirren hineingezogener Möchtegern-Bäcker Jacob, sowie der Kurzauftritt von Johnny Depp als Bösewicht Grindelwald. Von einer konsequent aufgebauten Erweiterung des Harry-Potter-Universums in Richtung USA ist dieses von J.K. Rowling entworfene Werk aber immens weit weg. Es ist viel mehr ein platter und zynischer Versuch noch mehr Geld aus der Marke zu kitzeln.
Adaptiert von Elaine May, unter der Regie von Mike Nichols, ist „Primary Colors“ (1998) das beste Biopic, welches Bill Clinton je bekommen wird. Ein satirischer, aber zugleich auch überraschend zurückhaltender Politfilm, zu einem geschmeidigen Präsidentschaft-Kandidaten (John Travolta), der seiner Frau (Emma Thompson) nicht treu bleiben kann, und dessen persönliche Schwächen es schwer machen, seine Politik einzustufen. Während „Bulworth“ und „Wag the Dog“ großartig satirische Antworten auf das politische Klima dieser Zeit waren, ist „Primary Colors“ die Adaption eines Sachbuches, und zeigt vor allem ein erbarmungsloses Geschäft, in dem Idealisten (großartig besetzt und gespielt: Larry Hagman als ehrwürdiger Senator und Kathy Bates als politische Fixerin) auf verlorenem Posten stehen, und nur derjenige das Rennen macht, der auch skrupellos genug ist. Durch die Augen eines Beraters (Adrian Lester) wird diese Geschichte des politischen Aufstiegs und moralischen Verfalls überraschend trocken und auch stellenweise etwas zu zurückhaltend inszeniert. Da ich den Film mittlerweile schon gut zehn Mal gesehen habe, kann ich mich auf die Passagen konzentrieren, die mir besondere Freude bereiten.

Serien-Überblick
Mit viel Skepsis wagte ich dann doch auch einen Blick auf die 1. Staffel (2017) der von Kritikern verissenen und von Fans geliebten Sci-Fi-Serie „The Orville“. Mein Hauptproblem war Schöpfer/Hauptdarsteller Seth MacFarlane, der mir persönlich noch nie sympathisch war. Doch seine Hommage/Parodie auf „Star Trek“, ist eine der unterhaltsamsten Sci-Fi-Serien seit langer Zeit, und atmet noch mehr den Geist alter Star Trek-Serien, denn die neueste offizielle Serie „Discovery“. Die Abenteuer des wenig beeindruckenden Schiffes „Orville“ und seiner Crew, ist eine Sammlung von Star Trek-Klischees und Mechanismen. Mal aufgelockert mit viel Humor, mal geradlinig durchgespielt. MacFarlane gebührt hier Lob, dass er seine Vision nicht verwässerte, sondern trotz aller billigen Gags, die auch immer wieder eingestreut werden, eine sehr sympathische und geradezu humanistische Serie erschuf, ganz im Geist von Star Trek. Ein überraschendes Highlight im Serienjahr.
Basierend auf einem Podcast, gibt Julia Roberts ihr Serien-Debüt. In der 1. Staffel (2018) von „Homecoming“ ist sie die Therapeutin Heidi Bergman, die in einem Homecoming-Center für aus dem Krieg zurückgekehrte Soldaten arbeitet. Vor allem ihre Sitzungen mit Walter Cruz (Stephan James). Doch ist hier nichts wie es scheint. „Homecoming“ ist in seiner kurzen und knappen Form (10 Folgen á ungefähr 30 Minuten) eine Paranoia-Studie, die von hinten aufgerollt wird. Ausgelöst durch Ermittlungen eines kleinen Bürohengstes (super: Shea Whigham) wird die Vergangenheit bei Homecoming und die mysteriöse Rolle die Heidis schmieriger Vorgesetzter Colin (Bobby Canavale) dabei spielt, neu durchgespielt und bewertet. Die Atmosphäre lässt einen nicht los, selbst wenn scheinbar wenig passiert.
Äußerst unerwartet zeigt sich die 1. Staffel (2018) oder auch der 1. Teil von „Chilling Adventures of Sabrina“ bei Netflix. Wer die alte Sitcom mit Melissa Joan Hart rund um ihre Teenie-Abenteuer und den flapsigen Kater Salem kennt, wird von der neuen Horror-Serie überrascht sein. Kiernan Shipka ist die Halb-Hexe, die bei ihren Tanten lebt. Doch damit sind die Gemeinsamkeiten aufgebraucht. Hier töten Hexen zum Spaß Sterbliche, wird gefoltert und mit dämonischen Ritualen versucht den Tod zu überlisten, und bedeutet der Pakt mit dem Teufel auch tatsächlich einen Verlust seiner Seele. So ganz kann aber auch die neue Sabrina seinen Archie-Comics-Wurzeln nicht entfliehen und ist vor allem in den High-School-Szenen immer wieder sehr pubertär angelegt. Die Überraschung ist aber der blutige und teilweise mitleidlose Tonfall der Serie.
Die zweite Staffel (2018) von „The Deuce“ springt einige Jahre und erzählt diesmal vom New York der 1970er. Dadurch entdeckt man auch die Charaktere der 1. Staffel in zum Teil völlig neuen Lebenssituationen. Vincent hat einen neuen sehr gut laufenden Nachtclub, während sein Bruder Frankie (beide wieder gespielt von James Franco) sich immer mehr mit den Aufgaben des Mafia-Bosses Rudy Pipilo (Michael Rispoli) anfreundet und dieses Leben genießt. Candy/Eileen (Maggie Gyllenhaal) hat den Wechsel hinter die Kamera geschafft und träumt vom Dreh des großen Pornos, der auch als Leitmotiv die Staffel durchziehen wird. Es gibt noch eine ganze Reihe interessanter Geschichten – darunter die nicht ungefährliche soziale Arbeit, um Prosituierten das Leben zu erleichtern, was den Zuhältern nicht gefällt, oder auch die immer dramatischer werdende Beziehung von CC (Gary Carr) und Lori (Emily Meade) – und darin liegt ein Teil des Problems von Staffel 2. Teilweise scheint es kaum möglich auf sinnvolle Weise die ganzen Handlungsstränge zu erzählen, weshalb man sich mit winzigen Ausschnitten begnügen muss. Das frustriert stellenweise, und sorgt doch auch dafür, dass sich „The Deuce“ wie ein reiches Serien-Universum anfühlt, voller spannender Geschichten.
Jim Carrey als Präsentator einer Kinder-Sendung, im Stil der Sesamstraße. Das klang schon nach einem Vehikel für den immens talentierten, aber in den letzten Jahren nicht sonderlich häufig aufgetretenen Komiker. In der 1. Staffel (2018) von „Kidding“ ist er als Kinderstar Mr. Pickles auch die perfekte Mischung aus seinen Charakteren in „The Truman Show“ und „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“. Ein den Kindern verpflichterter Entertainer, der den Tod seines Sohnes nicht verarbeitet hat und von seiner geschiedenen Frau (Judy Greer) daran erinnert wird, dass auch er nicht perfekt ist, während seine Familie (Frank Langella und Chatherine Keener) die Show am Laufen halten. Die von Dave Holstein kreierte und Michel Gondry als Regisseur in Szene gesetzte Serie, ist viel trauriger und dramatischer, denn Anfangs gedacht. Nicht alle Handlungsstränge – vor allem jener, des überlebenden Zwillingsbruders und seines Trauerprozesses – vermögen zu überzeugen, doch die Mischung aus bitterer Komik und komplexer Trauerarbeit, zeigt vor allem Carrey in Bestform. Etwas zäher als erwartet, doch mit so vielen Qualitäten, dass man gespannt hängen bleibt.

Das monatliche Update bietet einen knappen Überblick über alle Filme, die ich im Laufe eines Monats gesichtet habe. Darunter fallen Werke aus den hier publizierten Listen sowie Kino-Neustarts und Filme die ich nach längerer Zeit wieder einmal sichte. Im Update werden diese in verschiedene Kategorien unterteilt.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s